Da gibt es also ein neues Schreckgespenst für die Linke, genannt compassionate conservatism. Was spricht dafür, dass es den überhaupt gibt? Im Wesentlichen die Behauptung des Kandidaten Bush im Wahlkampf - soll man das für bare Münze nehmen? Ist das nicht der Mann, der die meisten Todesurteile vollstrecken lässt, in dessen Staat man das Wort Umweltschutz nicht einmal buchstabieren kann, der nach der Wahl die Steuerlast der Besser- und Höchstverdienenden kräftig senken will? Was ist daran "mitfühlend"? Hätte man nicht den Wahrheitsgehalt von Bushs Behauptungen hinterfragen müssen?

Siegmar Henkes, Aachen

Perger hat Recht: Der Linken fehlen Visionen, oder zumindest funktioniert ihre Vermittlung nicht. Links sein bedeutet im Grunde immer noch, für die Ideale der Französischen Revolution einzutreten. Das heißt, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in ein Verhältnis zu setzen, das alle drei in ein die Menschenwürde beförderndes Gleichgewicht bringt. Weil dabei Freiheit Gleichheit einschränkt, ohne ein Mindestmaß an Gleichheit Freiheit für viele nicht erreichbar wird und Brüderlichkeit vonnöten ist, um notwendige Ungleichheit hinzunehmen, aber auch Freiheitseinschränkungen mitzutragen, muss die Linke ihre Politik als Gesamtkonzeption vorstellen. Tut sie es nicht, bleiben ihre Einzelvorschläge und Maßnahmen isoliert und damit unverstanden.

Beispielhaft dafür sind die Vermittlungsschwierigkeiten der deutschen Sozialdemokraten, wenn sie Verteilungsgerechtigkeit zugunsten von Zugangsgerechtigkeit zurückstellen wollen und großen Teilen der Gesellschaft nicht erklären können, wie sie mit deren geringeren Chancen umgehen wollen, die in der ungerechten Verteilung von Vermögen begründet sind. Sie schaffen das Recht auf Teilzeitarbeit, vergessen aber, dass diejenigen, die es am dringendsten benötigen, Mehrkinderfamilien und Alleinerziehende, es sich nicht leisten können, auf Einkommen zu verzichten.

Die Experten wissen es, die Interessierten ahnen es, und fast alle Übrigen spüren es: Auch wenn die Wirtschaft augenblicklich gut funktioniert, stimmt irgendetwas nicht. Wir schaffen es nicht, den Klimawandel zu stoppen. Was soll dann aller Zugewinn an Vermögen, Freiheit, Macht? Unsere Gesellschaft driftet weiter auseinander. Werden sich die Wohlhabenden, die bisherigen Gewinner, den negativen Folgen auf Dauer entziehen können?

Wolfgang Hell, Winsen