Oft scheinen kirchliche Hierarchen ebenso wie ihre Kritiker zu vergessen, dass es beim Thema Kirche eigentlich um Religion, um Gott und die Welt geht - oder gehen sollte. Umso erstaunlicher wirkt es, wenn ein hoher vatikanischer Amtsträger seine Last - ohne sie abzuwerfen - erleichtert, indem er sich zu einem Höhenflug ins eigentlich Religiöse bewegen lässt. Kardinal Ratzinger, der seit fast zwei Jahrzehnten in Rom als oberster Hüter der Doktrin tätig ist und zuletzt (mit der Erklärung Dominus Jesus) bei Katholiken wie bei Andersgläubigen Verstimmung hervorrief, hat immerhin erkannt, dass der von der Kirche vermittelte Glaube vielen Christen "wie ein schwer durchdringlicher Urwald" erscheint. Um ebendiesen "auszuleuchten" - so schreibt der Kardinal im Vorwort seines neuen Buches -, habe er sich hier auf einen Dialog in "ungeschönter Direktheit" eingelassen.

"War Jesus katholisch?" So lautet eine der unverblümten Fragen des Münchner Publizisten Seewald. Er war aus der Kirche ausgetreten und wieder zu ihr zurückgekehrt mit dem Bedürfnis, "nicht nur zu glauben, was man nicht weiß, sondern auch zu wissen, was man glaubt". Fünf Tage lang sprach er mit Ratzinger Anfang Februar in Montecassino, dem geschichtsträchtigen, immer wieder aus Trümmern auferstandenen Bergkloster. Und so entstand mit Ratzingers stilistischer wie gedanklicher Geschicklichkeit ein neuartiger Religionsunterricht, zuweilen langatmig, doch nie kurzschlüssig und ohne dürren Predigtstil.

So kann man in diesem Buch dem unergründlichen, "manchmal rätselhaften" Gott begegnen: Er sei "so groß, dass er klein werden kann" - als Mensch fassbar für Menschen. Doch warum musste er sterben, um seine Kreatur zu erlösen? "Wir werden dieses Geheimnis letztlich nie ganz verstehen können", sagt Ratzinger und bekennt, dass dieser Jesus, "von dem sich die katholische Kirche gewollt weiß, aber eben doch nicht einfach einer von uns ist".

Wie aber empfindet der konservative und doch nicht unkritische Kardinal die Institution Kirche? Er gesteht, dass er bei aller großen Liebe "immer wieder" auch Ärger mit ihr hat. Beides spiegelt sich in verschiedenen, nicht immer ganz eindeutigen Aussagen wie etwa: "Der Papst hat keine totalitären oder absolutistischen Vollmachten, sondern dient dem Gehorsam des Glaubens."

Klar wird, dass Ratzinger manche innerkirchliche Reformen wie etwa den Verzicht auf die lateinische Liturgie oder die Aufwertung der Laien als "Volk Gottes" für unsinnig hält

einerseits befürchtet er in der säkularisierten Gesellschaft "eine Diktatur scheinbarer Toleranz", andererseits fordert er "große innerkirchliche Toleranz" gegenüber charismatischen Bewegungen. In diesen sieht er offenkundig das eigentliche, gleichsam demokratische Gegengewicht gegen einen kirchlichen Amtsapparat, der sich "weithin nur noch mit sich selbst beschäftigt", statt "möglichst lautlos zu funktionieren".

Dieses drastische Zitat stammt jedoch aus einem Buch, das Ratzinger vor 30 Jahren als Theologieprofessor zusammen mit dem Religionsphilosophen Hans Maier schrieb und jetzt noch einmal mit einem heftigen Nachwort publiziert (Demokratie in der Kirche. Möglichkeiten und Grenzen