Er war eben doch ein Verwandlungskünstler: Wer ihn in den letzten Jahren besuchte, traf einen alten Herrn von zarter, fast durchscheinender Konstitution, mit sauber gestutztem Vollbart, leiser Stimme und faltenlosen Händen. Und von ausnehmender Höflichkeit, mit der er seinem Gast das Gefühl gab, genau im richtigen Moment gekommen zu sein. Was für ein Unterschied zu dem H. C. Artmann zwanzig Jahre zuvor: ein Mann, der etwas aushielt und das der Welt auch zeigen wollte. Wein, Weib und Gesang, oder richtiger: Gesang, Weib und Wein

denn der Wein machte Mut für die Frauen, und die machten Lust zur Dichtung. Und um die ging es eigentlich und von Anfang an. Noch zwanzig Jahre zuvor war das Wunder-Buch med ana schwoazn dintn bereits erschienen, sein erstes. Es sind Dialektgedichte, die selbst ein Isländer versteht, so viel Musik ist in ihnen. Eine anrührendere und lustigere Verbindung von höchster Sprachkunst und Mitteilung an den Leser ist in der deutschen Sprache - ja, liebe deutsche Sprache, auch das bist du - keinem Zweiten gelungen.

Weitere zwanzig Jahre zurück war Krieg, den er fast von Anfang an mitgemacht hat, ein einfacher Soldat, der verwundet wurde, desertiert ist, in Gefangenschaft geriet. Er hat nicht oft davon gesprochen, aber wenn, dann doch so, dass man wusste, wie schauderhaft diese Zeit auch für ihn gewesen war. Seither schuldete das Leben ihm etwas, und das hat er sich geholt auf die allergroßzügigste Art, indem er das Leben, also uns, mit seiner Kunst beschenkt hat. Und indem er aus seinen Verletzungen und Schwächen, seiner Freundschaftsbegabung und Stärke und seiner unerschöpflichen Fantasie ein Gesamtkunstwerk gemacht hat, das der Camouflage ebenso diente wie der Inthronisation der Poesie als Lebensform. H. C. Artmann war Dichter, und man sah es. Er hat sich damit nicht nur Freunde gemacht. Aber als jener Politiker, der hier eigentlich gar nichts zu suchen hat, auf die Idee kam, ausgerechnet diesen Dichter aufs Korn zu nehmen, um wieder einmal gegen die Künstler seine Attacken zu reiten, da wurde Artmann von einer Welle der Sympathie getragen, wie sie noch selten einem Autor zuteil geworden ist.

Jetzt sah man, wie viele Freunde er eben doch hatte und dass er längst zu einer Symbolfigur für die Unantastbarkeit der Künstlerwürde geworden war.

Viele Preise hat er nicht bekommen, seltsam genug, aber der Große Österreichische Staatspreis und der Büchner-Preis waren doch darunter. Und Salzburg, die Stadt, in der er lange gelebt hat, hat seinem Namen alle Ehre gemacht und ihm den Dr. h.c. verliehen. Und schließlich, noch weitere zwanzig Jahre vor den Kriegsereignissen, da wurde er geboren als Sohn eines Schuhmachers in Wien am Walde, wo die Bäume rauschen wie überall, es sei denn, man hat besondere Ohren. Gewiss hat ihm an seiner Wiege niemand etwas gesungen, außer vielleicht seine Mutter, die ihn sehr liebte. Blaue Augen hat er gehabt, und was für blaue Augen! H. C. Artmann starb am 4. Dezember im Alter von 79 Jahren an Herzversagen.