Humor in der Medizin ist eine ernste Angelegenheit. Wissenschaftlich wird untersucht, auf welche Weise das Lachen uns die Knie erweicht (nach neuesten Erkenntnissen ist der H-Reflex schuld), akribisch ergründen die Forscher, wie viel Brüller pro Tag unser Immunsystem stärken, und Kinder auf Krebsstationen bekommen inzwischen Besuch von therapeutischen Clowns. Die Halbgötter selbst aber dürfen nie kichern.

Öffentlich verkneift sich die seriöseste aller Zünfte den lockeren Spruch.

Aber irgendwie bahnt sich der Witz doch seinen Weg. Die vielleicht subtilste Form des medizinischen Humors ist die Fallgeschichte. Fachzeitschriften pflegen den case report als erbauliche Fortbildung, als kriminalistische Rubrik, in der es gilt, von den ersten vorgestellten Symptomen möglichst früh auf die richtige Diagnose zu kommen. Natürlich handelt es sich um außergewöhnliche Fälle, sonst wäre die Sache ja witzlos. Und genau da kommt der Spaß nicht nur am Rätseln ins Spiel.

Wie anders als mit diebisch-anarchischer Freude am Bizarren könnte man den Fall unter der Überschrift Unerwünschte Orgasmen im Fachblatt The Lancet interpretieren? Der Kasus einer Patientin wurde dargeboten, die alle zwei Wochen unvermittelt ein minutenlanges Wohlgefühl in sich aufsteigen spürte, so heftig, dass sie mit dem Auto rechts ranfahren musste. Lösung: Die Frau litt an einer speziellen Form der Epilepsie.

Gelegentlich soll die heitere Kasuistik auch den Blick fürs gänzlich Unerwartete schärfen. Im Badezimmer verspürte eine Patientin plötzlich einen Schlag aufs Gesäß. Der alarmierte Hausarzt entdeckte, mit Lupe bewaffnet, bei sechsfacher Vergrößerung zwei winzige Einstiche auf dem Hinterteil, Abstand ungefähr ein halber Zentimeter. Da fiel der Patientin plötzlich ein, dass sie eine Fledermaus an der Decke gesehen hatte. Der schmunzelnde Leser vermerkt: Gesäßschlag plus Fledermaus gleich Tollwutimpfung.

Ungleich leichter lassen sich lächelnd auch ungewöhnliche arbeitsmedizinische Aspekte merken. Zum Beispiel durch den Bericht über den kurzatmigen jungen Mann, der sich erst durch die berufliche Anamnese aufklärte: Als professioneller Luftballonaufbläser hatte er im Laufe der Jahre Massen von Talkumpuder in seiner Lunge angesammelt. Ein typischer Fall von Staublunge.

Manchmal aber bricht der pure Nonsens durch. Im British Medical Journal analysierte ein Forscherduo, bestehend aus Chefarzt und Statistiker, besorgt die Sterblichkeit von Fernsehcharakteren. Ergebnis: Der gefährlichste Job im Vereinigten Königreich sei mitnichten Bombenentschärfer, sondern eine Rolle in einer Seifenoper. Selbst Krebspatienten mit den bösartigsten Tumoren hätten eine bessere Überlebenschance.