FOLGE 5

Gesundheitsbad und Eisbein

Sie liebte ihre Pfunde, ihre Kurven und üppigen Rundungen. Wir Kinder liebten ihre riesigen Schinkenwärmer mit Rüschen. Wenn sie die Treppe wischte, versuchten wir einen Blick auf das rote Ungetüm unter ihrem Rock zu werfen.

Wenn uns das gelang, hielten wir staunend die Hand vor den Mund und schwiegen beeindruckt. Frau Balz gehörte über 20 Jahre lang zum Haus. Sie putzte mehrmals wöchentlich, dass sich die Balken bogen. Selbst der am Kreuz hängende Christus wurde gnadenlos mit dem Staubwedel bearbeitet.

Bei den Bettlern und Tippelbrüdern war sie gefürchtet, da sie ihnen Standpauken hielt. Sie erzählte ihnen, dass sie nach dem Krieg auf den Knien Kegelbahnen geschrubbt habe, um Geld zu verdienen. Im Frühjahr saß sie gern im Garten unter dem blühenden Kirschbaum, rauchte eine Zigarette, trank ein Bier und redete auf unseren Hund ein. Ihr Mann war schon lange gestorben. Das Witwendasein gefiel ihr längst nicht mehr.

Eines Tages wirkte sie etwas verträumt, versorgte sogar die Bettler ohne Standpauke. Ich glaub, die ist verknallt, flüsterte mir meine Schwester zu.

Wir fragten vorsichtig nach. Es stimmte. Während sie den Mittagstisch deckte, erzählte sie uns die Geschichte. Es sollte ein gemütlicher Abend werden. Das Gesundheitsbad war eingelassen, das Eisbein kochte auf dem Herd. Als sie in der Wanne lag, dachte sie an ihren verstorbenen August und wurde traurig. Da stieg sie aus dem Bad, zog sich was Leichtes über und klingelte beim Ehepaar Bloch, eine Etage tiefer. Herr Bloch war ein dünner Schneider. Sie erzählte ihm von dem Gesundheitsbad, dass es zu schade sei, es abzulassen - und bot es ihm an. Herr Bloch willigte ein und stieg bei Frau Balz in die Wanne. Während er planschte, bereitete sie das Essen in der Küche vor.