Der Titel mag auf den ersten Blick stutzig machen, hat aber nur allzu sehr seine volle Berechtigung: Es sind der Nationalismus und Chauvinismus und deren zerstörerische Wirkungen in Mitteleuropa mit dem Alten bösen Lied gemeint und damit eine lange, latente Gewalt, die sich mit der "Urkatastrophe" dieses eben vergangenen Jahrhunderts, dem Ersten Weltkrieg, Bahn brach. Mit Recht lässt Ferdinand Seibt den längst bekannten und bis zum Überdruss erforschten Katastrophenreport diplomatisch-faktografischer Art beiseite und entwirft dafür ein faszinierendes Panorama massenpsychologischer Aktionen und Reaktionen, die erst den erschreckenden Erfolg der jeweiligen Akteure ermöglichten.

Herausgekommen ist ein bedeutendes, in bestem Sinn pädagogisches Buch, das sich wohlweislich besserwisserischer Standpauken für Väter und Großväter enthält und - bis auf wenige Ausnahmen - knallharte Zensuren vermeidet. Ein weiterer Vorzug ist, dass der Autor zwar durchaus im Rahmen des Bekannten bleibt, aber eine andere Optik im Blick auf die deutsche Geschichte verwendet. Es ist der "auslandsdeutsche" Aspekt, den Seibt mit bemerkenswerter Konsequenz durchhält, womit er bewusst und mit Gewinn die allzu geläufigen und ausgetretenen Pfade kleindeutsch-preußischer Geschichtsschreibung und deren Stereotypik verlässt. "Auslandsdeutsche Optik" heißt hier konkret die in vieler Hinsicht paradigmatische Rolle, die der so genannte Nationalitätenkampf zwischen Tschechen und Deutschböhmen/Sudetendeutschen darstellt und über die relativ ausführlich berichtet wird.

Es ist ein Thema, das der Verfasser selbst in zahlreichen Publikationen eingekreist hat und das auch seinen biografischen Hintergrund bildet. Damit soll keineswegs gesagt werden, dass diese relativ breit ausgeleuchtete Grundproblematik der böhmischen Länder nur mit der Herkunft des Autor zu tun hat, denn es handelt sich um ein gesamteuropäisches Phänomen von großer Geschichtsmächtigkeit - bis heute, wie ein Blick auf Irland, die Basken und Südtirol zeigt -, dessen stärkste Parallele zu Böhmen wohl der Nationalitätenstreit zwischen Flamen und Wallonen war und ist.

Worum es Seibt vor allem geht, ist ein Appell an die Gegenwart, der in einem "Epilog für die Enkel" gipfelt

er endet mit dem Bekenntnis: "Ich glaube an die Rettung der Großväter durch die Enkel." Diese Hoffnung zieht sich als Grundgedanke durch dieses sehr subjektive Buch, das ein rasant geschriebener, großer Essay geworden ist und damit ein Leseerlebnis besonderer Art. Es bietet dabei viele treffliche Einsichten über Volksmentalitäten. Das gilt etwa für den unterhaltsamen wie instruktiven Abschnitt Tanzen oder marschieren? und ebenso für die umsichtige Analyse von Begriffen wie "Lager" und "Straße", die vom NS-Regime seit der so genannten "Kampfzeit" mit schrecklichem Wirklichkeitsgehalt aufgeladen worden sind. Desgleichen sei die lange, erhellende Sequenz über die konservativen, christlichen, roten und jüdischen Großväter und über die Großmütter hervorgehoben, die deren beschränkte Lebens- und Erlebnishorizonte kritisch, aber auch verständnisvoll beschreibt, ohne dass am Schluss über alles ein milder Exkulpationszauber à la Prospero gegossen wird.

Ein Buch, das Zustimmung und Widerspruch provoziert

Freilich, der durchgehaltene und geglückte Essay-Charakter des Buches bringt es mit sich, dass manche Feststellungen etwas unreflektiert im Raum stehen bleiben, ohne dass bestätigende Information folgt. Das gilt etwa für die Behauptung von der "erstaunlichen Reaktionsschnelligkeit Hitlers", die mit der Vorgeschichte der Sudetenkrise wie des Polenfeldzuges zu widerlegen ist.