In der Hollywood-Komödie What's Up, Doc? wird der angeklagte Hauptdarsteller von einem Richter nach seinem Beruf gefragt. Er sei Doktor der Musikwissenschaften, bekennt der Befragte schüchtern. Ob er dann ein Radio reparieren könne, lautet die zweite Frage des Richters. Und als der Angeklagte verneint, wird er aufgefordert, gefälligst seinen Mund zu halten.

So oder jedenfalls so ähnlich erscheint mir die Situation der Geisteswissenschaften heute.

Aus allen Ecken ertönt die Frage nach ihrem Zweck und Nutzen, nach den von ihnen vermittelten brauchbaren Fähigkeiten in einer auf Ökonomie und Kommerz gestellten Welt. Wer die Universitäten zu Kundenzentren auszubauen vorschlägt, wer das Lehrer-Schüler-Verhältnis des akademischen Unterrichts in ein Kauf- und Kundenverhältnis verwandeln möchte, wird zwar die im allgemeinen Nützlichkeitswahn noch verbliebenen Denknischen auskehren, aber keinen originellen Beitrag zur überfälligen Universitätsreform leisten.

Dass von der fortschreitenden Ökonomisierung unseres Denkens und Sprechens vor allem die Geisteswissenschaften im engeren Sinne bedrängt werden, also jene Fächer und Disziplinen, die es mit Ästhetik, Moral und Geschichte zu tun haben, ist unmittelbar einsichtig. Was bedeuten schon die Märchen und die Mythen der Völker, wenn jeder Schritt, den die experimentellen Naturwissenschaften tun, ein weiterer Schritt zur Entzauberung der Welt ist, wenn die Konstanz der Elemente durchbrochen wird, das Innere des Lebens offen liegt, Utopien und Visionen der Märchenwelten durch die wissenschaftliche Realität überholt sind?

In dem munteren Halali, das in vielen Bundesländern auf Stellen, Mittel und akademische Institutionen geblasen wird, sind jene Wissenschaften, die um ihrer Gegenstände willen an individuellen Forschungsstilen festhalten und inmitten von "Spaßkultur" und "Klamauk-Kommunikation" noch von Einsamkeit und Freiheit als den Bedingungen des Forscherlebens träumen, dem offen herbeigeführten Untergang ausgesetzt. Die derzeit im Umlauf befindlichen Modelle zur leistungsbezogenen Mittelverteilung an den Universitäten bevorteilen die drittmittelstarken, experimentellen Fächer. Das Buch, das vielleicht die Summe eines 20-jährigen Forscherlebens zieht, ist plötzlich nur noch eine geringwertige Ziffer in der Jahresbilanz eines Instituts.

So hat sich die Politik im Bunde mit Leitungsgremien und Verwaltungen ein auf quantitative Faktoren gestelltes Zahlenwerk errechnen lassen, in der Hoffnung, das komplizierte und widerspenstige Gebilde "Universität", das von der Sensibilität und der Individualität der Lehrenden und der Lernenden lebt, nun leichter lenken und vermarkten zu können. Der Krebsschaden der Kapazitätsformel, der die Numerusclausus-Fächer zerfressen hat, wird nicht therapiert, im Gegenteil, er hat Metastasen gebildet und greift in den Formeln so genannter Leistungsmodelle auf jene Fächer über, die sich durch Jahrzehnte hindurch mit großen Studentenzahlen abgeplagt und trotzdem versucht haben, ihre Leistungsstandards zu halten.

Die Frage, ob die Geisteswissenschaften neuerdings oder schon wieder oder noch immer in der Krise sind, ist gegenüber der skizzierten Situation nachrangig. Denn die Frage nach der Dauerkrise der Geisteswissenschaften ist keine Frage nach Stellenabbau, Rationalisierung und nach der mangelnden öffentlichen Unterstützung für Inhalte und Formen geisteswissenschaftlich dominierter Bildung, sondern die Frage, weshalb es den Geisteswissenschaften nicht gelingt, aus der wachsenden Verödung des wissenschaftlichen Lebens, aus der Langeweile rationalisierter Informationswelten ihren Vorteil zu ziehen?