Im Spiegel der Dinge

Was tun wir alle täglich, Vollindustrialisierte, die wir nun einmal sind?

Wir produzieren. Wie viel an Genie, Energie und Fantasie wir auch aufzubringen vermögen, fast immer endet es als Beitrag zu einem Produkt: einem Zahnbürstenschwingkopf, einem Audi-TT, vielleicht sogar einem beutelfreien Staubsauger. Die Frage, welche die bedeutendsten Produkte der letzten Dekade gewesen sind, führt deshalb weit über eine Lifestyle-Hitparade oder ein Handbuch für den Design-Gourmet hinaus. David Redhead hat eine ernsthafte Antwort versucht. Als Kurator der Glasgower Ausstellung Identity Crisis: The 90's Defined und als Autor des daran anknüpfenden Buches Products of our Time hat er seine Auswahl der wichtigen Dinge nicht primär nach ästhetisch-modischen Gesichtspunkten, sondern nach "Relevanz" getroffen. Das Kondom, das Silikonkissen und das skandalöse Neugeborene des Benetton-Plakats sind hier ebenso verewigt wie ein Päckchen vom britischen Rindfleisch - preisreduziert - oder die Hautcreme der Marke Soul Owner.

Die Relevanz eines Produkts ergibt sich also nicht nur aus bahnbrechender Innovation und durchschlagendem Erfolg. David Redhead durchkämmte die reichhaltige Waren- und Medienwelt der Neunziger nach jenen Stellen, wo sich der soziale Wandel verdichtet, wo Strukturen kippen und die Widersprüche der Welt als Symptome hervortreten. So ist ein Buch entstanden, das auf den ersten Blick als schick gestylter Bildband der Kategorie Best of ... erscheint, und dennoch zu schade dafür ist, auf dem berühmten Coffeetable zu landen.

Denn klug führt der Text an den Bildern vorbei und in die Dinge hinein - so weit, dass sich am Ende der Bildband als Lesebuch entpuppt: Als Buch, das bei genauer Lektüre in den Dingen lesen lehrt.

Auch der Mensch ist als Produkt dabei - neu gemixt

Komplexität in eine einfache Erscheinungsform zu verpacken ist ein Prinzip, das nicht nur charakteristisch ist für zahlreiche "typische" Produkte unserer Zeit, wie Redhead diagnostiziert, sondern auch für sein eigenes Buch, das sich damit aufschwingt, selbst als product of our time bestehen zu können.

Tatsächlich gelingt ein treffendes Porträt des abgelaufenen Jahrzehnts im Spiegel der Dinge. Doch so sehr neue Produkte wie i-Mac, Viagra und Tamagotchi als Oberflächlichkeiten exaltierter Konsumgesellschaften erscheinen mögen, erweisen sie sich bei näherer Betrachtung als Vergrößerungsspiegel, in denen der Schritt, den die Menschheit gerade tut, deutlicher wird als in manch aufgeklärteren Medien.

Im Spiegel der Dinge

Nicht die Dinge selbst sind der Horizont von Products of our Time, sondern was sich an Entwicklungstendenzen in ihnen zu erkennen gibt. Wir bekommen die Menschenwelt neu erzählt, wie sie sich von der Dingwelt her darstellt. Dieser Fokus und diese Verknüpfung sind das Interessante

die Inhalte sind nicht neu und können es in einem zusammenfassenden Buch auch gar nicht sein. Der Design-Kurator erquickt uns wie ein DJ, als avantgardistischer Archivar, der uns die neueste Unübersichtlichkeit zu überblicken gestattet. Mit Products of our Time lassen sich die verwirrenden Neunziger in gebundener und endgültiger Form in die Hand nehmen, durchblättern, zuklappen und ablegen. Das hinterlässt, man muss es zugeben, ein gutes Gefühl.

Fürs Begreifen der Gegenwart benötigt man einen stark erweiterten Produktbegriff. Aus der Tierwelt sind neben dem obligaten Genschaf Dolly Roboterhund AIBO und ein pelziger Kuschelcomputer namens Furby vertreten.

Buntes Mouse-Design trifft auf die genetisch designte Maus, welcher ein Menschenohr aus dem Rücken wächst. Der Mensch ist auch sonst als Produkt mit dabei, das virtuelle Model als digitaler Rassenmix steht der heldenhaften Erdulderin unzähliger Schönheitsoperationen, Orlan, gegenüber. Action Man, das männliche Pendant zur Barbie-Puppe, ist nach zehn Jahren Absenz mit größerem Brustmuskel, dafür vom Krieger zum Sportler entwaffnet, zurückgekehrt. So viel zur Verinnerlichung von Gewalt und zur Veräußerung von Biopolitik.

Die Produkte der Neunziger zeigen sich durchweg durchkreuzt von Paradoxien.

Ärmliches und Bescheidenes verschaffte Prestige, der Anschein von Anonymität übertrumpfte die Markenzeichen. Den protzenden achtziger Jahren antwortete der "New Functionalism" des Designs mit demonstrativer Kargheit, Antikonsumartikel avancierten zu teuren Luxusgütern. Doch hinter den Masken des Verzichts wuchs zugleich die Gier nach mehr Geschwindigkeit, mehr Auswahl, mehr Konsum. Weil perfektes Funktionieren - etwa bei Autos - längst selbstverständlich geworden war, verlagerte sich die Differenzierung aufs Design. Die wuchernde Dingwelt rief immer mehr Kontrollwünsche auf den Plan.

Gegen Hundegebell gibt es nun die Fernbedienung zum Elektroschock-Halsband.

Im Spiegel der Dinge

Gegen derlei Tierquälereien aber helfen Überwachungskameras im öffentlichen Raum. Kontrolltechniken wenden sich gegen Kontrollierende.

Dass globalisierte Massenproduktion und steigender Individualismus keine Gegensätze sind, zeigt der Autor in einem eigenen Kapitel. Levi-Strauss-Jeans gibt es in 4224 Kombinationen von Hüft-, Taillen- und Beinformat.

Gleichzeitig stieg Ben and Jerry's Ice Cream aufgrund des nachbarschaftlichen Images zur Weltmarke auf. Und für diejenigen, denen Marken und Logos noch nicht "zur zweiten Natur geworden" sind, gibt es fürs Identitätskrisenmanagement passende Eskapismusprodukte wie den VW-Beetle im Retro-Design. Damit schließt sich der Kreis: Wir sind - beinahe - komplett.

Und wir sind die Produkte der Produkte unserer Zeit.

David Redhead:

Products of our Time

Birkhäuser-Verlag, Basel 2000

Im Spiegel der Dinge

137 S., Abb., 49,80 DM