Ohne Umschweife knöpfte sich der Kanzler die Ministerrunde vor. Er erinnerte das Bundeskabinett an früher gefasste und verkündete Beschlüsse.

Dann gab er "seinem Befremden darüber Ausdruck", wie der Protokollant der Kabinettssitzung notierte, dass sich ein Ministerausschuss darüber hinweggesetzt und praktisch das Gegenteil entschieden hatte. Die Argumente seines Wirtschaftsministers ließ der Regierungschef nicht gelten: Der Kanzler könne den Vorschlägen "unter keinen Umständen zustimmen" und wolle sich "im Hinblick auf die bisherigen Verlautbarungen der Bundesregierung vor der Öffentlichkeit nicht lächerlich machen".

Bundeskanzler Konrad Adenauer setzte sich gegen seine Minister durch, die im Mai 1956 gegen das wichtigste innenpolitische Vorhaben der Regierung in der zweiten Legislaturperiode der Bundesrepublik opponierten: die Einführung der dynamischen Rente. Adenauer wollte damit den Lebensstandard von Millionen Rentnern heben, die im Schatten des noch jungen Wirtschaftswunders in Armut lebten. Ein Großteil der Renten erreichte nicht einmal den Richtwert der Sozialfürsorge. Zugleich wollte der CDU-Regierungschef seinen Sieg bei der Bundestagswahl 1957 sichern. Wenn die Regierung das Problem der Rentenreform nicht "rechtzeitig und großzügig" löse, warnte er im Oktober ein weiteres Mal auf einer Kabinettsitzung, sei die kommende Wahl "schon jetzt verloren".

Die Mai-Revolte war nicht das erste und bei weitem auch nicht das letzte Aufbegehren von Mitgliedern des Kabinetts gegen die Reform. Das Gesetzgebungsverfahren war alles andere als geordnet. Immer wieder musste Sozialminister Anton Storch nachbessern. Die Kontrahenten in Regierung und Koalition nutzten alle Finten, um Entscheidungen zu erreichen oder zu blockieren. Gutachten und Gegengutachten, Rechnungen und Gegenrechnungen, die Stimme des Volkes in Form von Meinungsumfragen, Terminverschiebungen oder Termindruck, Drohungen mit Stimmenverweigerungen oder wechselnden Mehrheiten, scheinbares Nachgeben - jedes Mittel war recht. Beschlüsse wurden bewusst vage gehalten oder später kassiert. Positionskämpfe und Kompetenzstreitigkeiten von Anfang an - die Regierung bot ein "Bild hochgradiger Konfusion", wie der Historiker Hans Günter Hockerts später schrieb.

Das Gerangel um Richtung und Inhalte führte schließlich dazu, dass der Bundestag das Gesetz erst im Januar 1957 verabschiedete: Das Jahrhundertwerk, das auf einen Schlag das durchschnittliche Rentenniveau um 65 Prozent steigerte, musste rückwirkend zum 1. Januar 1957 in Kraft gesetzt werden.

In seiner Regierungserklärung 1953 zum Beginn seiner zweiten Amtszeit hatte Konrad Adenauer sogar noch eine "umfassende Sozialreform" angekündigt. Recht bald kristallisierte sich jedoch heraus, dass wohl nur - schwierig genug - eine Reform der Alters- und Invaliditätsversicherung zu realisieren sein würde. Sehr bald schon verließ sich der Kanzler nicht mehr allein auf die Vorlagen seines Sozialministers, dem es nach Adenauers Einschätzung am gewünschten Engagement mangelte. Der alte Fuchs beauftragte - als Konkurrenz zu Storch - vier Professoren, die ihm die Rothenfelser Denkschrift verfassten. Das Wissenschaftlerquartett lieferte Stichworte, die seither immer wieder in sozialpolitischen Debatten auftauchen: von der Absage an den Versorgungsstaat und der Beschränkung auf schwere Risiken über eine Kostenbeteiligung der Versicherten und eine "bewegliche Altersgrenze" bis hin zur Ablehnung der von der SPD verlangten steuerfinanzierten Grundrente.

Doch zum eigentlichen Spiritus Rector der Reform wurde Wilfrid Schreiber, Bonner Volkswirtschaftsdozent und Sekretär des Bundes Katholischer Unternehmer. Schreiber brach vor allem mit zwei alten Regeln, die seit der Bismarckschen Reform galten.

Die Regierungsfraktion drohte, mit der SPD zu stimmen

Erstens sollten die Versicherten nicht mehr Rentenansprüche in Mark und Pfennig erwerben, die sich nach den absoluten Beträgen der gezahlten Beiträge richteten und somit unabhängig von der wirtschaftlichen Entwicklung waren.

Stattdessen sollten ihnen Rentenanpassungspunkte gutgeschrieben werden, indem die individuellen Beiträge ins Verhältnis zum allgemeinen Lohnniveau gesetzt wurden - damit war die dynamische Rente geboren.

Zweitens sah Schreiber eine radikale Abkehr von dem bisherigen Kapitaldeckungsverfahren vor, demzufolge im Prinzip die Versicherungsleistungen angespart und dann mit den Erträgen ausgeschüttet werden. Stattdessen sollte es zu einem "Solidarvertrag zwischen jeweils zwei Generationen" kommen - die Berufstätigen finanzieren mit ihren Beiträgen die Renten der Ruheständler. Das war das Umlageverfahren. Schreiber stützte sich dabei auf die Erkenntnisse des Wissenschaftlers Klaus Mackenroth, demzufolge "aller Sozialaufwand immer aus dem Volkseinkommen der laufenden Periode gedeckt" werden muss.

Darüber hinaus schlug Schreiber vor, der Staat solle auf Zuschüsse an die Rentenkasse und damit auf die "durchaus unverdiente Gloriole des sozialen Wohltäters" von vornherein verzichten. Doch die Empfehlung hatte in der politischen Praxis nie eine ernsthafte Chance auf Realisierung.

Wegen des Zwistes in den eigenen Reihen schaltete sich der Kanzler selbst immer wieder in die Beratungen ein. So übernahm er auch den Vorsitz im Sozialkabinett, in dem neben dem Vizekanzler vor allem die Ressortchefs für Soziales, Wirtschaft und Finanzen saßen. Und Adenauer konnte die Reform nur gegen den beharrlichen Widerstand seiner beiden wichtigsten Minister, gegen Finanzminister Fritz Schäffer und Wirtschaftsminister Ludwig Erhard, durchsetzen.

Schäffer hatte schon sehr schnell deutlich gemacht, dass er aus der Mitfinanzierung der Reform aus dem Bundeshaushalt einen Anspruch ableitete, entscheidend die Richtung mitzubestimmen. Im Gegensatz zu dem von Adenauer unterstützten Ziel, die Rente vom "Zuschuss zum Lebensunterhalt" zum "Lohnersatz" zu machen, verfolgte der Finanzminister die Absicht, die Bedürftigkeit zum Maßstab zu machen. Und nicht zuletzt wollte der wegen seiner Sparsamkeit bekannte Schäffer die Kosten für den Staat so niedrig wie möglich halten.

Erhard wie Schäffer, die durchaus nicht in allen Fragen übereinstimmten, zogen gemeinsam vor allem gegen die automatische Ankopplung der Renten an die Löhne zu Felde. Nur an dem "echten Produktivitätszuwachs" sollten die Ruheständler teilhaben. Ein automatischer Ausgleich von Preissteigerungen würde dagegen Inflationsgefahren heraufbeschwören. Bei diesem Argument hatten die beiden einen wichtigen Verbündeten: Wilhelm Vocke, den Präsidenten der Zentralbank, mit dem Adenauer auch schon wegen seiner Zinspolitik über Kreuz lag.

Während Erhard aus seiner Kritik auch öffentlich kein Hehl machte, versuchte Schäffer immer wieder durch eigene regierungsinterne Vorlagen die Reform zu torpedieren oder zumindest zu verwässern. Unter anderem wollte der Finanzminister erreichen, dass der damals schon für die Jahre 1965 bis 1980 prognostizierte "Rentenberg" in den Rechnungen berücksichtigt würde.

Selbst als sich Adenauer gegenüber Schäffer und Erhard auf seine Richtlinienkompetenz berief und dem Wirtschaftsminister im Kabinett gar ein Disziplinarverfahren androhte, gelang es dem Regierungschef nicht, den "Rentenkrieg", wie Zeitungen den Konflikt nannten, zu beenden. Erst in mühseligen Verhandlungen, bei denen auch Adenauer in Einzelfragen zurückstecken musste, wurde ein Kompromiss erreicht - wohl auch wegen der Drohung von Unions-Sozialpolitikern, notfalls im Bundestag mit der oppositionellen SPD zu stimmen.

Die Sozialdemokraten hatten schon das ganze Jahr 1956 die Regierung erfolgreich mit Initiativen innerhalb und außerhalb des Parlaments unter Druck gesetzt. Und nachdem sich in der SPD die "Realpolitiker" wie der Sozialexperte Ernst Schellenberg durchgesetzt hatten, gab es in Konzeption und Zielen der Entwürfe von Regierung und Opposition weite Übereinstimmung.

Für einen Rentenkonsens setzte sich vor allem Walter Auerbach ein, eine heimliche Autorität unter den SPD-Sozialpolitikern. Werde eine grundlegende Reform mit knapper Mehrheit durchgepeitscht und dann von einer neuen Parlamentsmehrheit wieder umgestoßen, warnte Auerbach, strapaziere man das "Vertrauen in unsere politischen Institutionen".

Doch erst unmittelbar vor der Schlussabstimmung beschloss die SPD-Opposition, der Reform zuzustimmen. In der abschließenden Parlamentsdebatte monierte SPD-Chef Erich Ollenhauer zwar noch "viele Mängel und Ungerechtigkeiten", räumte aber ein, dass die Neuregelung "zur Linderung der sozialen Not in der Bundesrepublik beitragen" könne.

Im Gegensatz zu den kleineren Regierungsparteien, die überwiegend dagegen stimmten oder sich enthielten, votierten CDU/CSU und SPD am 21. Januar 1957 geschlossen für die Rentenreform.

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