Der Arbeiter, der Ende des 19. Jahrhunderts in deutschen Fabriken schuftete, hatte nach der Statistik so gut wie keine Chance, in den Genuss der gerade neu geschaffenen Altersrente zu kommen. Ein 40jähriger Mann hatte zu jener Zeit gerade noch eine Lebenserwartung von 25 Jahren. Eine Altersrente zahlte die Invaliditäts- und Altersversicherung jedoch erst nach vollendetem 70. Lebensjahr.

Das 1889 vom Reichstag beschlossene Invaliditäts- und Alterssicherungsgesetz war das letzte der drei Bismarckschen Sozialreformgesetze, mit denen die Grundlagen für den modernen Sozialstaat geschaffen wurden. Die gesetzliche Krankenversicherung war 1883, die Unfallversicherung im Jahr darauf eingeführt worden. Der Durchschnittsarbeiter musste damals mit einem Jahreslohn von rund 600 Mark auskommen. Dafür musste er an 300 Tagen arbeiten, meist mehr als zwölf Stunden täglich. Arbeitsunfälle waren an der Tagesordnung.

Das Gesetz verpflichtete alle Arbeiter vom 16. Lebensjahr an und bis zu einem Jahreseinkommen von 2000 Mark, Mitglied in der Invaliditäts- und Altersversicherung zu werden (für Angestellte kam die Pflicht erst 1911). Als Beiträge, die Arbeitgeber und Arbeitnehmer je zur Hälfte zahlten, waren in den vier Lohnklassen zwischen 14 und 30 Pfennig pro Woche fällig. Die Arbeitgeber mussten dafür sorgen, dass die Beiträge tatsächlich entrichtet wurden: Sie kauften bei der Post die Beitragsmarken, die dann auf die Versicherungskarten der Arbeiter geklebt wurden.

Der Staat zahlte jedem Rentner einen Sockelbetrag von 50 Mark jährlich. Ein Versicherter hatte Anspruch auf Invalidenrente nach 5 und auf Altersrente nach 30 Beitragsjahren. Das Prinzip: je länger die Beitragsdauer und je höher die Beiträge, desto höher die Renten. Es galt das Kapitaldeckungsverfahren.

Das Kapital wurde entsprechend den Anwartschaften angesammelt. Der Präsident des Reichsversicherungsamtes, Tonio Bödiker, lobte, die Arbeiter erhielten "so günstige Bedingungen, wie keine Privatversicherung sie bieten könnte".

Dennoch erreichten die Renten nur einen Bruchteil der Lohnhöhe. 1891 betrug die Jahresdurchschnittsrente gerade mal knapp 120 Mark - weit weniger als das Existenzminimum. Doch auch damals gab es schon das Stichwort Eigenvorsorge: "Das allmähliche Schwinden der Arbeitskraft infolge von Krankheit, Siechtum, Gebrechen, Altersschwäche und ähnlichen Ursachen", schrieb Bödiker, entspreche dem "natürlichen Lauf der Dinge und muss von jedem fürsorglichen Arbeiter schon bei Zeiten in Berücksichtigung gezogen werden."

In Politik und Wirtschaft stießen die Sozialreformen von Reichskanzler Otto von Bismarck auf Widerstand. Die Arbeitgeber waren zwar prinzipiell dafür, aber in Details sorgten sie immer wieder für Verzögerung