Es gibt eine Frage, die tausendmal beantwortet ist, die mich aber dennoch stets in Erstaunen versetzt: Warum drücken sich die Leute, wenn sie lieben, lyrisch aus? Enthält dieser liebende Ausdruck einen Hinweis auf das Wesen der Liebe oder auf das Wesen der Lyrik?

Der Germanistin Konstanze Fliedl, der Autorin des Buches Arthur Schnitzler.

Poetik der Erinnerung, verdanke ich Licht in diesem Dunkel. In einem gelehrten Gespräch riet sie, die Frage radikal zu stellen: Warum wird überhaupt so furchtbar gern über die Liebe gesprochen?

Kein Geringerer als Robert Musil, so die Germanistin, habe sich darüber lustig gemacht. Der Mensch, sagt der Dichter, ist das sprechende Tier und deshalb das einzige, das das Gespräch auch zur Fortpflanzung nötig hat. Die Liebe sei das am meisten geschwätzige Gefühl, ja, sie bestünde überhaupt nur aus diesem Geschwätz!

Die Liebe ist daher viel weniger ein Gefühl, sondern viel mehr die Rede darüber. Also ist sie ein "Kommunikationscode", der, wie es sich für Codes gehört, seine Regeln hat. Eine der Regeln ist die lyrische

sie besagt, dass die Rede "sich binden" lassen muss. "Des Lebens Flamme war gesunken / Des Lebens Feuerquell verrauscht, / Bis wir aufs neu den Götterfunken / Umfangend, selig eingetauscht." Das ist die letzte Strophe eines Gedichts von Theodor Storm. Der Dichter erzählt einen Liebeslauf, bei dem es am Anfang schlimm war: "Ein Weh nur war es, keine Lust!" Storms Gedicht zitiere ich aus dem Reclam-Band mit dem schönen und klaren Titel: Fünfzig erotische Gedichte.

In der von Harry Fröhlich herausgegebenen Anthologie finde ich Gedichte, die das coole Konzept vom "Kommunikationscode" der Liebe bestätigen, aber auch solche, die es relativieren. Heinrich Heine identifiziert das Objekt seines Begehrens, nämlich den Körper der Frau, ohne Umstände mit dem Gedicht: Des Weibes Leib ist ein Gedicht, sagt er. In einem Gedicht von Rühm, das das Theorem vom "Kommunikationscode" ebenfalls bestätigt, ist es nicht ein Leib, sondern es sind auf der einen Seite zwei weibliche Leiber und auf der anderen Seite ein männlicher Leib. Das Gedicht heißt daher Dreiklang: "da gleiten die kleider." Die drei kommen zueinander, und das Gedicht zeichnet sehr genau die Stadien der Annäherung, das Kreuzen ihrer Wege im Liebesakt und schließlich auch die Trennungen, das Einschlafen, das Auseinandergehen. Die Wörter scheinen das Geschehen zu sein: "eine nacht. / es wird heller, / denn nun leuchten beide frauen." Alles, was zu dritt in der Liebe passieren kann, ist in dieser Sprache aufgehoben.