Verzweiflung ist eine Geschichte, die man gehört hat, aber nicht als die eigene erkennt. Franz erzählt sie seiner großen Liebe Eugen während einer Autofahrt: In Kalifornien hatte ein Mann eine Autopanne. Neun Stunden stand er am Straßenrand und winkte, niemand hielt an, um zu helfen. Der Mann erschoss sich. Der Industriellensohn Eugen kann dem Staunen seines neuen, nach Unterschicht und Unverblümtheit riechenden Freundes nichts abgewinnen.

Franz ist ihm ein Vergnügen, ein Objekt bildungsbürgerlicher Erziehungsbegierden - solange das Geld reicht, das Franz im Lotto gewann.

Eugen ist auch einer, der weiterfährt.

Am Ende des 1974 entstandenen Fassbinder-Films Faustrecht der Freiheit wird Franz sich umbringen. Valiumtabletten, verordnet einem Herzen, das nicht mehr im eigenen Takt schlägt, verlängern seine Betäubung bis in den Tod. Zwei seiner ehemaligen Liebhaber, der eine aus der Unterschicht, der andere aus der Oberschicht, verschwistern sich gerade beim Entwickeln klassenübergreifend betrügerischer Geschäftsideen, als sie in der U-Bahn-Station Marienplatz über die Leiche des glücklosen Lottokönigs stolpern. "Helfen", zitiert einer von ihnen die Legitimation aller Darüberhinwegseher und -geher, "helfen kann man ihm sowieso nicht mehr."

Einer wie Franz, der glaubt, um seiner selbst willen geliebt zu werden, wird bei Fassbinder zweimal verraten - im Leben wie im Tode.

Einen solchen Franz gibt es auch in dem Theaterstück Tropfen auf heiße Steine, das Fassbinder mit 19 Jahren schrieb und das nun, bald 20 Jahre nach seinem Tod, von dem französischen Filmemacher François Ozon kongenial verfilmt worden ist. Auch hier gibt es die Figur des ansteckenden Schicksals.

Wäre dieser Franz nicht so jung und so unschuldig, er könnte aus der Geschichte einer abgelegten Leidenschaft, aus der sein 50-jähriger Gastgeber Leo erotisches Kapital schlägt, seine Zukunft heraushören. Gleich seinem Namensvetter aus dem Faustrecht der Freiheit kann der romantische Rotschopf hier sich nicht eingestehen, wie übertragbar Geschichten, wie austauschbar Menschen sind.