This is not our London anymore!" Die Klagen der britischen Hauptstädter werden immer lauter. Sie richten sich nicht nur gegen Müllberge, Luftverschmutzung und das chaotische Nahverkehrsnetz, dem die Tageszeitung The Guardian Drittweltstandard attestiert. Die Unzufriedenheit geht an die Substanz: Noch nie war es leicht, in London mit wenig Geld zu leben. "Heute ist es nicht mehr möglich zu überleben", sagt Pam Tatlow vom britischen Lehrerverband NASUWT.

Egal, ob Lehrer, Krankenschwestern, Polizisten: Briten mit Jobs, die in der Hauptstadt massenhaft gebraucht werden, kommen in der Metropole finanziell kaum noch über die Runden. Londons Bürgermeister Ken Livingstone beschreibt die Verdrängung: "In London leben nur noch die gut, die auf ungewöhnliche Weise Geld machen." Er meint Erben, Popstars, Diplomaten, Politiker, Makler aller Art und "jede Menge Leute mit krimineller Energie".

Die Mittelklasse gehört nicht zu diesen Erfolgreichen: Britische Lehrer verdienen höchstens 25 000 Pfund pro Jahr. Ihr London weighting, der Hauptstadtzuschlag, beträgt gerade 2500 Pfund. Ein kleines Haus dagegen kostet im Durchschnitt mehr als eine halbe Million Mark. "Viele Briten können sich London nicht mehr leisten", sagt Tony Travors, Direktor der Greater London Group an der London School of Economics. Ein Vergleich: Während britische Industrielöhne zwei- bis dreimal niedriger sind als in Deutschland, ist in London fast alles (bis auf Zeitungen!) zwei- bis dreimal teurer.

In den neunziger Jahren wurde die Stadt zum teuersten Pflaster Europas. Die Knappheit von Büros und Wohnungen trieb die Preise besonders in die Höhe.

Andererseits zählen 14 der 33 Londoner Stadtteile zu den ärmsten Regionen in Großbritannien - und in Europa. Hohe Arbeitslosigkeit und verkommene Vorstadtlandschaften prägen dort das Bild. Die Orte erinnern an eine andere große Misere auf der Insel: die "Krise auf dem Land", die die Regierung offiziell zur Chefsache erklärt hat. Denn im Gegensatz zu London sind die ländlichen Regionen total unterversorgt: 49 Prozent der Menschen haben laut Economist keine Schule in ihrer Nähe und 75 Prozent keine tägliche Busverbindung. "Wir beobachten eine Entfremdung in zwei Richtungen", erklärt Tony Travors. Viele Londoner wollen aus der Hauptstadt fliehen. Die Landbevölkerung zieht es gleichzeitig nach London.

Viele der neuen Hauptstadtbewohner hoffen, eines Tages zu den Spitzenverdienern in der City zu zählen, wo die Finanzwelt auf einer Quadratmeile vier Prozent des britischen Sozialprodukts erwirtschaftet. In diesem Jahr werden in der Londoner City Weihnachtsgratifikationen von umgerechnet mehr als 15 Milliarden Mark an weniger als 90 000 Beschäftigte verteilt. Den Lehrern und anderen Normalverdienern sind diese Dimensionen nicht mehr zu vermitteln. Genauso wenig die Tatsache, dass nur noch rund 40 Prozent der Empfänger Briten sind. Tendenz fallend.

Die Entfremdung der Briten von ihrer Hauptstadt hat nicht nur pekuniäre und soziale Gründe: London ist auch ein extrem multikultureller Ort. "London ist die Stadt der Nationen", wie Peter Ackroyd in seiner London-Biografie schreibt - das Paradebeispiel für eine globalisierte Metropole. Während die Einwohnerzahlen aller britischen Städte sinken, wächst London jedes Jahr um rund 50 000 Menschen. Dabei zieht es nur wenige sozial schwache Ausländer an: Viele Einwanderer aus aller Welt bringen entweder Geld mit - oder sie werden geholt, um es zu verdienen.