Dirk Schümer ist, kein Zweifel, ein Paradepferd im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Er hat den scharfen Blick, der das Beiläufige wahrnimmt, mit dem sich so oft die Spur des Wesentlichen anzeigt. Er ist von einer unstillbaren Neugier besessen, die ihn kreuz und quer durch den Kontinent treibt. Durch seine Feder gewinnt Farbe und Leben, was viele seiner Kollegen nur mit blasierter Langeweile zur Kenntnis nehmen: Europa, seine komplexe Realität, die zuweilen ins Surreale hinüberwuchert, seine kaum mehr durchschaubare Konstruktion, seine chronischen Krisen, seine mühseligen Fortschritte, seine kleinen, seine großen Mirakel. Im letzten Satz des zweiten Kapitels, in dem er unter dem Stichwort Kreta den mediterranen Mythos "Europa" ein wenig zu neckisch präsentiert, stehen die Sätze, die das Experiment der Einheit summieren: "Erstens: Es kann nicht funktionieren.

Zweitens: Aber irgendwie funktioniert es doch."

Freilich, Schümer widerstand der Versuchung nicht, sich allzu lustvoll in die Darstellung des Unmöglichen zu verbeißen. Europa, sagt er, sei "genau betrachtet, ein einziges Schlachtfeld von Ressentiments ohne Ansatz für ein echtes Zusammengehörigkeitsgefühl". Diesen "Ansatz" gab es sehr wohl, und er blieb bis zum heutigen Tag der entscheidende Impuls: die grauenhafte Verheerung des Kontinentes in den zwei Kriegen, die man, nicht zu Unrecht, europäische Bürgerkriege genannt hat. Auch Schümer verweist auf das "makaber geeinte Europa" von 1945: "geeint in der Zerstörung, in den Trümmerfeldern, den Gefangenenlagern. Geeint auch durch Millionen toter Soldaten und Millionen ermordeter Opfer" Hitlers. Er notiert diese Einsicht unter dem Stichwort "Auschwitz", doch er scheint nur am Rande zu bemerken, dass der "Zivilisationsbruch" der totalitären Systeme seit der "Urkatastrophe" des Jahres 1914 kaum einen Winkel Europas unberührt ließ: Diese gemeinsame Erfahrung diktierte uns die Notwendigkeit der europäischen Vereinigung.

Sie war das bestimmende Motiv der Gründerväter, und nicht der verschmockte "Abendland"-Traum von einem karolingisch-katholischen Reich. Schümer übernimmt kritiklos Kurt Schumachers blamables Verdikt über den Schuman-Plan als ein Konglomerat der Länder des vierfachen "k": "konservativ, klerikal, kapitalistisch, kartellistisch". Spätestens Willy Brandt hat den fundamentalen Irrtum der antieuropäisch-nationalistischen Strategie des ersten Vorsitzenden der SPD korrigiert. Das Kerneuropa der Sechs war auch nicht nur ein Produkt des Kalten Krieges, sondern die Konsequenz einer zwingenden geschichtlichen Einsicht, der sich Jean Monnet - keineswegs nur ein Technokrat (wie ihn Schümer schildert), sondern ein leidenschaftlicher Visionär - noch während des Krieges in Washington bei der Formung seiner Vereinigungspläne beugte.

In seinem karikaturistisch überzeichneten Porträt Brüssels, das er den "fröhlichen Sumpf der Bürokraten" nennt, verschweigt der Autor leider, dass die Verordnungswut vor allem den Forderungen der nationalen Regierungen entstammt, nach wie vor der Hort jener entfesselten Regulierungssucht, die man den Eurokraten in die Schuhe schiebt.

Die Eingangskapitel hat der Autor mit einer eher heißen Nadel genäht. Aber je tiefer Schümer in die Wirklichkeit der europäischen Kooperationsfelder eindringt, umso lebhafter wird seine Kunst der Beschreibung. Anregend, kühn, oft vernünftig, manchmal jenseits des Vollziehbaren die Vorschläge zu einer Reform der Union. Es ist, als habe er sich am Ende selber dazu überredet, Europa als die machbare Utopie zu betrachten, die sie ist.

Dirk Schümer: Das Gesicht Europas