Einer spricht. Die andern lauschen. Einer sitzt in der Mitte. Die andern hocken im Kreis um ihn. Einer hat das Wort. Die andern haben die Ohren. Einer erinnert sich. Die andern lernen. Einer lebt, noch, in der Vergangenheit. Die andern nehmen seine Worte mit in die Zukunft.

So ist, im Erzählen, die Kunst der Literatur entstanden. Den Kreis der Zuhörer gibt es auf dem Dorfanger nicht mehr, wohl aber bei all den vielen Lese-Abenden landauf, landab - und in der virtuellen Gemeinschaft einsamer Hörer - die Sprechplatten oder Tonbänder in Maschinen schieben. Scheinbar allein, doch wieder auf einem Marktplatz, wo vor jedem Zelt ein Einzelner sitzt, mit allen andern verstöpselt. Welche Chance für die neue Kunst des Hörbuchs! Wir sollten sie nicht denen überlassen, die nur an Vermarktung denken.

Soll man eines der großen Werke der Weltliteratur - die mehr als 300 Märchen, Novellen, Legenden, Erzählungen, Fabeln, lehrhaften und lustigen Geschichten, die unter dem Namen Tausendundeine Nacht seit Jahrhunderten bekannt sind - auflösen in eine Symphonie von Stimmen oder einem Erzähler anvertrauen?

Der NDR hat 1963/64 einen der damals großen Sprachkünstler vors Mikrofon gebeten: Nicht gerade 1001, doch immerhin 21 Stunden lang liest Mathias Wiemann in der noch immer frischen Übersetzung von Enno Littmann, in einer Aufnahme des NDR von 1963/64, die alten, ewig jungen Bettgeschichten. Ein streng-spröder Norddeutscher wie Wiemann - und die schlafwarmen, oft als obszön geschmähten Anekdötchen? Ja, gerade dies geht, im Kontrast, gut zusammen - wie Hugo von Hofmannsthal das Werk lobt: "Kühnste Geistigkeit und vollkommenste Sinnlichkeit in eines verwoben."

Einen anderen Weg sucht Claudia Baumhöve, auch hier mit ihrem hörverlag. Sie setzt nicht auf noch so schöne alte oder neue Lesungen (es sei denn bei Texten aus dem Mittelalter, mit Peter Wapnewski), sondern auf Lebendigmachen, Hörbarwerden alter Texte in vielen Stimmen. Wurde als Stimmen-Spiel nicht Goethes Wilhelm Meister vor einem Jahr realisiert?

Nun eines der großen Erzählwerke dieses Jahrhunderts, Thomas Manns Zauberberg (1924). Auch hier erhebt ein Erzähler, gleich im ersten Satz, die Stimme - doch dann splittert sie sich auf in einen ganzen Chor. Hör-Spiel. Drama für Ohren (und Fantasie!). Welche Sprach-Zauberer sind dabei, die "Geschichte mit pädagogisch-politischen Grundabsichten", wie Thomas Mann sie plante, uns einzuprägen: Udo Samel (Erzähler), Konstantin Graudus (Castrop), Felix von Manteuffel (Settembrini), Hans Kremer (Naphta). Die Bearbeiterin Valerie Stiegele hat den 1000-Seiten-Roman auf 35 Sprechrollen beschränkt, die Ullrich Lumpen als Regisseur hörbar macht.

Nun fragt man, wie eines der Haupt-Themen dieses Jahrhundert-Romans hörbar gemacht werden kann - die für den Leser wunderbar spannende Kluft zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit. Den Wechsel des Erzähltempos hätte ein einziger Erzähler sicher besser hingekriegt. Aber würden wir diesem Zauberwerk eines Romans, stundenlang, lauschen, wenn nur eine Stimme spräche?