Björn Engholm war in Gedanken schon auf einer abendlichen Geburtstagsparty, als ihn am vergangenen Samstagnachmittag ein böser Verdacht ereilte: Er könnte, so das Magazin Focus, Inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) gewesen sein.

"Ich, Stasi-IM?", Engholm klingt noch Tage nach der Meldung konsterniert, niedergeschlagen und ringt nach Worten. "Niemals", sagt er, "das ist geschmacklos, aberwitzig, absoluter Blödsinn und eine Ferkelei ersten Ranges." Unter Code XV/188/71 hatte die Abteilung II der Hauptverwaltung Aufklärung des MfS (HVA) von 1971 an einen IM "Beethoven" verzeichnet, von dem Focus behauptet, er sei mit Engholm identisch. Aber: Es gibt dafür keinerlei Beweise. Weder die Bundesbehörde für die Stasi-Unterlagen fand einen Hinweis, noch nennt das Magazin seine Quelle. Auch der Generalbundesanwalt, der zum Zweck der Strafverfolgung die jüngst vom US-Geheimdienst CIA herübergereichte "Rosenholz"-Datei über westdeutsche Stasi-Zuträger einsehen darf, habe für einen IM alias Engholm keinen Anhaltspunkt, so eine Sprecherin.

Ein Verdacht, der Engholms Leben durcheinanderwirft. Gerade 61 Jahre alt geworden, hat er mit Politik nichts mehr am Hut, jagt eher guten Weinen nach als schmissigen Schlagzeilen. Engholm organisiert lieber Kunstausstellungen als Parteiversammlungen. Und nun das. Die Anwürfe rufen Erinnerungen in ihm wach, die mit seiner längst vergangenen politischen Arbeit, seinem steilen Aufstieg und unrühmlichen Fall zu tun haben. Die sechziger und siebziger Jahre sollen es vor allem gewesen sein, in denen "Beethoven" der HVA - die Abteilung II war auf westdeutsche Parteienausforschung spezialisiert - Informationen lieferte, die wiederum aus dieser Bereitschaft einen "Vorgang mit Arbeitsakte" machte. Hätte Focus besser recherchiert, wäre den Münchnern aufgefallen, dass die MfS-Bezirksverwaltungen Leipzig, Rostock und Berlin seit 1960 insgesamt vier verschiedene "IM Beethoven" geführt hatten. Welcher von denen soll es denn nun gewesen sein?

Engholm ist ziemlich ratlos. "Hier könnte es sich um auf dem Schwarzmarkt gekauftes Material handeln, das gefälscht ist", mutmaßt er. Bei aller Unschuldsbeteuerung versucht er, sich zu erinnern, um sich selbst zu beruhigen. In der Tat sei er im betreffenden Berichtszeitraum des Focus-"Beethoven" als Juso-Mitglied und später als Lübecker Juso-Chef oft in der DDR gewesen. Als Berufs- und Bildungspolitiker habe er "mit denen" vor allem um Hochschule, Fort- und Weiterbildung gestritten, aber auch um die beiden politischen Systeme. "Da gab es natürlich viel zu reden", sagt Engholm, "denn die DDRler sahen ja alles durch die marxistisch-leninistische Brille." Zu siebt oder acht seien sie manchmal gewesen, als Delegation seien sie gefahren, und ihre Gegenüber seien oft in ähnlicher Zahl angereist. Wie oft Engholm vor mehr als 30 Jahren im Osten war, wisse er heute nicht mehr genau. Er sagt: "Ich habe Erinnerungslücken", und er sagt auch: "Es ist alles sehr lange her."

Der lange Schatten der Stasi. Man weiß, die Stasi arbeitete perfide

da wurden, wie im Falle des Philosophen Robert Havemann, gern Erinnerungsprotokolle von IMs mit tatsächlichen Vorgängen vermengt, um so genannte "Gesamtbilder von psychischen Befindlichkeiten" zu erstellen. Da wurden Akten über Personen angelegt, die Stoffsammlungen waren, in denen nicht ein einziges persönliches Wort des Opfers stand, sondern nur von Stasi-IMs eingesammelte Zitate. Bei Treffen zwischen Mitgliedern der Freien Deutschen Jugend oder den "Kandidaten" der SED mit gleichaltrigen Westdeutschen war immer auch ein als FDJler getarnter IM dabei, der sowohl auf die linientreue Diskussion der DDR-Jugend achtete, aber auch wichtige West-Informationen zu protokollieren hatte. Sie legten bei diesen Treffen Namensdossiers an, um später die Aussagen auch den Personen zuordnen zu können.

Obwohl Engholm meint, man versuche ihn gerade hinzurichten, gräbt er weiter nach möglichen missverständlichen Begegnungen im Osten. Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre - da war Engholm Staatssekretär und später Bildungs- und Wissenschaftsminister unter Bundeskanzler Schmidt - sei er nur noch sehr selten in der DDR gewesen: "Vielleicht einmal im Jahr." Später, ab 1988, als Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, war er wieder öfter auf Reisen zum Klassenfeind, denn die DDR ließ gut mit sich handeln: Harte D-Mark gegen Fischereirechte, Müllentsorgung und Landgemarkung. Er besuchte zusammen mit dem damaligen Dresdner SED-Bezirkschef Hans Modrow ein Konzert, ein andermal sah man ihn auf einer Veranstaltung der Ballettlegende Gret Palucca.