Der Lockerbie-Prozess wird nach schottischem Recht in Kamp van Zeist in den Niederlanden geführt. Eine außerordentliche Regelung, die mit einem Präzedenzfall aus der schottischen Provinz begründet wird: In jenem unspektakulären Verfahren aus dem Jahr 1997, in dem es um Drogen- und Alkoholgeschäfte ging, folgte ein Gericht dem Argument der Verteidigung, ihr Mandant könne im Umkreis seiner Heimatstadt - es handelte sich, Ironie des Zufalls, um Lockerbie - kein faires Urteil erwarten. Mit derselben Begründung stimmten die Libyer nach jahrelangen Verhandlungen einer Auslieferung der Angeklagten nur unter der Bedingung zu, dass der Prozess in einem neutralen Land geführt werde.

Libyen ließ sich auf einen Prozess nach schottischem Recht ein, weil man darin besonders günstige Bedingungen für die Angeklagten sah. Ihre Schuld muss durch mindestens zwei unabhängige Quellen nachgewiesen werden. Auch ein Geständiger kann nur verurteilt werden, wenn sein Geständnis durch Indizien oder Aussagen Dritter untermauert ist. Neben einem "Schuldig" oder "Unschuldig" gibt es für problematische Fälle ein drittes Urteil, "Nicht bewiesen", das - wenn auch ohne das moralische Gewicht eines "Unschuldig" - gleichermaßen zum Freispruch führt. Dafür reicht es, wenn es der Verteidigung gelingt, "hinreichenden Zweifel" an der Beweisführung der Staatsanwaltschaft zu säen.

Üblicherweise entscheiden im schottischen Gericht 15 willkürlich gewählte Bürger als Geschworene über die Schuldfrage. Die Libyer argumentierten, eine Unbefangenheit der Geschworenen sei in diesem Fall nicht garantiert, das Lockerbie-Attentat habe zu viele Emotionen im Land aufgewühlt. Deshalb fungieren die drei Richter gleichzeitig als Geschworene.

Eine Anomalie, die in Kamp van Zeist immer wieder zu juristischen Scharmützeln und Verzögerungen des Verfahrens führt. Vor allem die Verteidigung versucht, den Richtern als Geschworenen nicht vor Gericht produzierte Dokumente vorzuenthalten. Die Richter können aber rechtliche Entscheidungen oft nur treffen, wenn sie solche Dokumente kennen. In diesen Fällen wird improvisiert - bislang mit Erfolg.