Roß stellt den Nationalismus durchaus richtig als ein sich jeder Kultur einfügendes "Chamäleon" dar. Doch ist damit noch nicht sein negatives Wesen bestimmt, da andere geistige Konzepte ähnlich anpassungsfähig sind, heißen sie nun Religion oder Ökonomie. Sie alle sind an fast jedem Ort instrumentalisierbar und werden zur Erfüllung oft unbewusster Bedürfnisse ergriffen.

Weder Globalismus noch Nationalismus sind per se werthaft, und 1848 war Letzterer eine legitime Ideologie. Jan Roß vergisst anzuerkennen, dass die nationale Identität in jungen Staaten als Geburtshelferin neuer Verfassungen wirken kann und nicht nur schädlich ist. Es ist der ausgebildete Verfassungsstaat, in dem der Nationalismus nur mehr zersetzend wirkt, vor allem wenn Politiker ihn zur Aushebelung konstitutioneller Errungenschaften und Grundrechte benutzen wollen.

Nicht das nationale Denken als solches gilt es zu verurteilen, sondern das hybride Beschwören einer unscharfen "Leitkultur"-Identität gegenüber dem verbrieften Verfassungs-Bürgertum.

Mike W. Malm, Bonn