Brüssel

Die Nächte in Nizza werden lang. Die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union werden dort an diesem Wochenende heftig um BSE-Schutz und künftige Kommissionsstärke, Stimmen- und Machtverteilung zwischen den Mitgliedsstaaten oder Umgang mit den Beitrittskandidaten ringen - und schließlich ihr Schlussdokument, wie heißt es doch: als wichtigen Erfolg, entscheidenden Schritt nach vorn, vielleicht sogar als Durchbruch und historische Stunde präsentieren.

Drei Fragen stehen bei diesem Treffen freilich nicht auf der Tagesordnung: Wozu Europa? Welches Europa? Und wie viel Europa? Doch diese Fragen drängen und werden, sobald in Nizza der Vorhang fällt, sofort wieder gestellt werden.

Einige, die jetzt an der C'te d'Azur die Verhandlungsnächte endlos werden lassen, haben in den vergangenen Monaten bereits nach ersten Antworten gesucht, der Belgier Guy Verhofstadt und der Finne Paavo Lipponen zum Beispiel, der Italiener Carlo Ciampi oder der Brite Tony Blair, der Franzose Jacques Chirac und natürlich der Deutsche Joschka Fischer. Sie sagen laut, was bereits in vielen Papieren steht und Ministerien und Denkfabriken beschäftigt.

Schon jetzt wird klar, wie es nach Nizza weitergehen muss. Kanzler Gerhard Schröder spricht bereits vom "Post-Nizza-Prozess". Dieses Gipfeltreffen wird also zum Epilog. Abgeschlossen wird der europäische Zyklus der neunziger Jahre, der in Maastricht verheißungsvoll begann, in Amsterdam fast scheiterte und jetzt in Nizza den Schlussakkord einfach treffen muss, im Angesicht der kommenden Erweiterung und bei Strafe der Lächerlichkeit. Stimmengewichtung, qualifizierte Mehrheitsentscheidung, Kommissionsstärke, die institutionelle Mechanik europäischer Macht ist kompliziert und oft nur schwer erklärlich.

Muss halt sein - und darf doch nicht alles sein. Schon setzt in Nizza darum das Vorspiel zu Neuem ein. Klarer, einfacher, verständlicher soll das künftig alles werden, denn es geht um Legitimität und Demokratie. Wenn das nichts An- und Aufregendes ist! Europa soll in den Ohren seiner Bürger wieder einen guten Klang haben. Darum die drei Fragen, daher die vielen Antworten. Da wird geworben. Ein attraktives Europa soll es sein. Erotik statt Esoterik. Darauf hoffen jedenfalls die Vordenker.

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