Berlin

Karl-Heinz Funke bleibt im Amt. Nicht einmal die Grünen haben den Rücktritt des Landwirtschaftsministers gefordert, der den Verbrauchern seit Jahr und Tag das BSE-freie deutsche Rindfleisch angepriesen hatte - bis zum Beweis des Gegenteils. Aber vielleicht hat es ja Sinn, dass Funke bleibt: Kein symbolisches Bauernopfer befreit die Bundesregierung aus ihrer ungünstigen Lage, in der offenbar wird, dass die Politik die BSE-Krise nicht wirklich und wirksam zu meistern vermag.

Ein Tiermehlverbot - per Eilverordnung am Mittwoch oder per Gesetz am Freitag - das war das Maximum, das zu leisten sich die rot-grüne Bundesregierung imstande sah. Die Einführung der Schnelltests war zwar überfällig, doch können Tests weder das Risiko ausschalten noch zur Beruhigung der Verbraucher beitragen. Im Gegenteil: Eher dürften weitere Nachweise verseuchten Rindfleischs den Blick auf die Risiken und Nebenwirkungen der Agrarindustrie freigeben.

Dass es sich bei der BSE-Krise um eine Art Tschernobyl der europäischen Landwirtschaft handele, wäre zwar ein allzu drastisches Wort. Aber die psychologischen Folgen sind durchaus vergleichbar: hier wie da eine unwillentlich erzeugte, heimtückische Bedrohung, von der man nicht weiß, wie lange sie anhält, wie viele Opfer sie fordern wird und wie die politisch Verantwortlichen ihr begegnen könnten.

Dass die Grünen nicht mit dem Alarmismus früherer Tage reagieren, ist ihrer neuen Rolle als Regierungspartei geschuldet. Eine alarmistische Reaktion könnte nur die Unfähigkeit beleuchten, dem Alarm schnell wirksame Taten folgen zu lassen. Dennoch bringt die BSE-Krise für die Grünen eine bedeutsame Veränderung: Die Forderung nach einer nachhaltigen, vorausschauenden Politik gewinnt wieder an Plausibilität.

Die Grünen, deren Übergang in die Regierungsverantwortung mit schmerzhaften Identitätseinbußen verbunden ist, haben zumindest die Chance erkannt, ihrem eigentlichen Gründungsthema wieder Resonanz zu verschaffen. "Der ökologische Strukturwandel ist heute eine der wichtigsten Aufgaben. Sollte sie kurzzeitig auf der politischen Agenda nach hinten gerückt sein, ist dies nun definitiv vorbei", deklamierte unter dem Eindruck des BSE-Skandals der grüne Umweltexperte Reinhard Loske in der Haushaltsdebatte im Bundestag.

Das betrifft nicht nur die anderen. Denn obwohl Umfragen den Grünen noch immer das Umweltthema als eigentliches Kompetenzfeld zuweisen, hat die Ökologie über die Jahre hinweg auch für die Umweltpartei ihre zentrale Bedeutung eingebüßt. Dass die Bundesregierung sich durch ihr besonderes ökologisches Profil auszeichne, ist eine Behauptung, die selbst grüne Akteure nicht mit allzu viel Nachdruck vertreten. Das Mitregieren hat den Grünen nicht nur ihr oppositionelles Gehabe und ihre fundamentalistischen Leidenschaften ausgetrieben. Auch ökologische Überzeugungen, die sich nicht von vornherein den politischen Zwängen und der öffentlichen Stimmung beugen, geraten in der Ökopartei heute leicht unter Ideologieverdacht.