Mit dem Gongschlag Punkt neun beginnt das Erdgeschoss zu glitzern: In der Schmuck- und Parfümerieabteilung erstrahlen die Halogenlampen. Im ersten Moment schmerzt das Licht in den Augen, die sich während der Nacht an die Dämmerung in den Katakomben des Warenhauses gewöhnt hatten.

Das Warenhaus Karstadt Mö rappelt sich aus seinem kurzen Schlaf hoch, die Rolltreppen mühlen los und verteilen die Frühschicht der Verkäufer in die Etagen. Abteilungsleiter und Substituten treten an. Der Direktor nutzt die Fahrt in sein Büro, das hinter der Bettenabteilung liegt, zum ersten kritischen Blick auf sein Imperium.

Das große, leuchtende Eingangsmaul an der Hamburger Mönckebergstraße, das Hauptportal, öffnet sich und lässt das erste Dutzend der 40 000 Kunden ein, die an diesem Tag noch kommen werden.

Um diese Tagesstunde kann der Direktor mit freiem Kopf an die große Aufgabe denken. Im November und Dezember kommen 25 Prozent des Jahresumsatzes herein.

In diesen acht Wochen entscheidet sich, ob die Mö, das zweitgrößte Kaufhaus der Republik, dem Karstadt-Quelle-Konzern den geplanten Umsatz von etwa einer halben Milliarde Mark und den erhofften Jahresgewinn bringt.

Dieses Mal wartet ein neuer Vorstandschef auf die Zahlen. Er heißt Wolfgang Urban und hat den Ruf, ein Sanierer zu sein. Das Karstadt-Quelle-Handelskonglomerat gilt als rar gewordenes Refugium der Gemütlichkeit in der deutschen Volkswirtschaft, die Kaufhäuser waren schon unseren Großmüttern ein vertrauter Nachmittagsaufenthalt. Urban soll sie modernisieren. Dafür hat er hat ein 10-Punkte-Wertsteigerungsprogramm verkündet

er spricht vom vernetzten Multi-Channel-Unternehmen, von der verlässlichen Fulfillment-Kette, von erhöhter Flächenproduktivität, kapazitätsorientierter Belieferung, Customer-Relationship-Management. Das klingt unbehaglich und bietet den Karstadt-Mitarbeitern in dieser ruhigen Stunde nach der Ladenöffnung jede Menge Stoff zum Nachdenken.