Lothar Schon: Sehnsucht nach dem Vater.

Die Dynamik der Vater-Sohn-Beziehung

Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2000

327 S., 38,- DM

Ein Buch, das sich dem Leser erst allmählich erschließt. Am Anfang möchte man es wegen einer gewissen Betulichkeit wieder weglegen. Die ersten 100 Seiten beschäftigen sich mit der Rolle des Vaters im Allgemeinen, und viele Seiten sind gefüllt mit dem Referieren von anderen Büchern und Aufsätzen, ohne dass ein eigener Standpunkt des Autors spürbar würde. Dann wird begründet, warum die Wahl auf tiefenpsychologisch orientierte Interviews fällt: weil eine Gesetzmäßigkeit am gründlich recherchierten Einzelfall besser als in Fragebogenreihen sichtbar werden könne. Dann wird geschildert, wie der Autor an seine Interviewpartner kam. Er musste nehmen, was sich bot. Er konnte, und das ist wichtig, seine Arbeitsbedingungen nicht frei wählen.

Wenn er Kinder befragte, musste er die Familien zu Hause besuchen. So etwas führt leicht zu Verstrickungen. Wenn eine alleinstehende Mutter mit zwei Buben den Interviewer am Bahnhof abholt und er gleich an den Mittagstisch gebeten wird, kann er nicht vermeiden, dass die Buben ihn in eine Ersatzvaterrolle hineindrängen, aus der er kaum wieder herauskommt (er wurde dringlich gebeten, auch gleich in der Familie zu übernachten). Aufrichtig, wenn auch etwas umständlich, berichtet er, wie strapaziös diese Verstrickungen sind. Wirklich kreativ wird das Eingehen auf seine eigenen Gefühle, die so genannte Gegenübertragung, beim Interview mit einem Schauspieler, der nicht mehr zwischen wirklichen und gespielten Emotionen unterscheiden kann. Gelegentlich fühlt sich der Leser erschlagen von der Fülle des Materials.

Genug der Kritik, die Befunde sind trotzdem beeindruckend, und der Autor ordnet sie kompetent ein in die psychoanalytische Entwicklungspsychologie.