In Ungarn ist ein heftiger innenpolitischer Streit entbrannt, in dessen Mittelpunkt die ZEIT steht. Es geht dabei um eine von der Regierung veröffentlichte "Zusammenfassung der in diesem Jahr erschienenen ausländischen Presseartikel, die dem Ansehen Ungarns und seiner Regierung Schaden zugefügt haben". Diese Dokumentation hatte der konservative Ministerpräsident Viktor Orbán in einer Parlamentssitzung angekündigt, die den EU-Fortschrittsbericht über Ungarn debattierte.

Die zentralen Passagen dieser "Schwarzen Liste" (so der freidemokratische Abgeordnete Tamás Bauer in der Debatte) beziehen sich auf einen Artikel in der ZEIT Nr. 38/00. Darin hatte Christian Schmidt-Häuer dem Ministerpräsidenten vorgeworfen, Ungarns rechte Erde zu sammeln und im Parlament auf die Hilfe der rechtsextremen Ungarischen Wahrheits- und Lebenspartei (MIEP) zu setzen.

"Diese mehrseitige Schreiberei hat in den vergangenen zwei Jahren mit den größten Schaden angerichtet", heißt es in der amtlichen Abmahnung, der mehrere Textauszüge folgen. Die ZEIT wird als regierungsnah eingestuft und daraus die Folgerung gezogen: "Angesichts der großen internationalen und deutschen Reputation des Blattes ist davon auszugehen, dass auch die gegenwärtige deutsche Führung das dort Geschriebene für bare Münze genommen hat."

Insgesamt führt die Liste zwölf unbotmäßige Zeitungen und Radiostationen auf, darunter Herald Tribune, Washington Jewish Week, Christian Science Monitor, Le Monde, NCR Handelsblad und Der Standard. Die inkriminierten Berichte und Aussagen der von den Zeitungen zitierten ungarischen Gesprächspartner beziehen sich auf wachsenden Antisemitismus und die Behandlung der Roma. Die ungarischen Interviewpartner werden demonstrativ durch Fettdruck hervorgehoben.

Das Hauptmotiv für diese Anprangerung hatte Orbán vor dem Parlament anklingen lassen: Der an sich positive EU-Bericht über Ungarn sei dadurch beeinträchtigt worden, dass die Opposition ihr Land in Europa angeschwärzt habe.

Der Blick geht nach rechts

Die Liste wird von der Budapester Presse mit großer Besorgnis kommentiert.