Halleluja! Seit über siebzehn Jahren erscheint uns Christoph Schlingensief alle paar Monate in einem neuen Medium. Mit Filmen fing es in den Achtzigern an, dann widmete er sich dem Theater, später einer Talkshow, einer politischen Partei und einem Wanderzirkus. Und jedes Mal hat er gründlich wie kein anderer den alten Marshall McLuhan widerlegt: Das Medium, so beweist Schlingensief, ist nicht die Botschaft, denn die Botschaft bleibt in allen Medien gleich. Sie lautet: Schlingensief! Ihn umgibt dabei ein Kranz von diffusen, immer irgendwie brisanten Themen, etwa Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit, soziale Not und allgemeines seelisches Elend. Sie werden aber natürlich nicht vertieft, sie werden nur anmoderiert, denn dann folgt Schlingensiefs wirksamster und leider auch einziger Trick: Er scheitert. Bei jedem Schlingensief-Auftritt kommt unweigerlich der Moment, an dem er nicht mehr kann, aus der Rolle fällt und abbrechen muss. Dann spricht er über seinen Liebeskummer oder über sonst was und schreit. Ob dann Horst Mahler oder Ingrid Steeger neben ihm sitzt, ist völlig egal.

In der neuen MTV-Sendung erleben wir ein Best of Schlingensief. In der ersten Folge präsentierte er Maria und Margot Hellwig - das ist das Moment des Bizarren, das man von ihm schon erwartet. Hinzu kam die Berliner Familie Abels, von der man erfuhr, dass sie "ein schweres Leben" habe. Bevor wir mehr darüber erfahren konnten, rief der weiß gewandete Schlingensief schnell wieder Halleluja. Dann war endlich sein Moment gekommen: Stellvertretend "für alle Liebeskranken Berlins" leerte er eine Flasche Jim Beam und zog sich aus.

Später bat er die entsetzte Frau Abels um einen Kommentar zur Größe seines Penis, was ihr schweres Leben ganz augenscheinlich nicht einfacher gemacht hat. Eines steht fest: Schlingensief hat mit der U-Bahn-Sendung sein perfektes Medium gefunden. In der U 3000 kommt er zu sich selbst: mit hoher Geschwindigkeit und großem Lärm nirgendwohin rasend, aber immer im Bild!