Die Volkswirtschaftslehre wird oft als die Königin der Sozialwissenschaften bezeichnet. Ein nicht unbegründetes Kompliment. Die analytische Denkweise, die Präzision und der hohe Formalisierungsgrad der modernen Ökonomik zwingen Respekt auf. Nur trägt sie auch zur Lösung gesellschaftlicher Fragen bei? Immerhin ist das eine Hauptaufgabe der Sozialwissenschaften.

Im Idealfall sollte die Volkswirtschaftslehre Erkenntnisse über ökonomische Zusammenhänge liefern, die dann von der Politik umgesetzt werden. Seit einigen Jahren aber wird die Bedeutung der Volkswirtschaftslehre für die Wirtschaftspolitik zunehmend infrage gestellt. Das renommierte englische Magazin The Economist zum Beispiel beklagt, dass sich Politiker immer weniger um akademische Ökonomen kümmerten. Stattdessen suchten sie Hilfe bei profitorientierten Beratungsinstituten oder bei Vertretern anderer Wissenschaften. Die führenden Volkswirte dagegen seien außerhalb ihres wissenschaftlichen Ghettos weitgehend unbekannt.

Auf den ersten Blick scheint das nicht weiter überraschend. Ökonomen sind sich in ihren Ratschlägen schließlich selten einig. Kein Wunder, dass kaum jemand auf sie hören will?

So einfach ist die Sache nicht. Zwar weichen die volkswirtschaftlichen Meinungen tatsächlich meist voneinander ab - jedoch nur in Details. In den wichtigsten Grundfragen stimmen die meisten Ökonomen durchaus überein: die Unabhängigkeit der Notenbank, Privatisierung und Deregulierung, Freihandel, eine marktkonforme Umweltpolitik, negative Einkommensteuer, der Produktivität entsprechende Löhne, Auktionen für Radio-, Fernseh- oder digitale Übertragungsfrequenzen - all das sind Stichworte, die eine Art weltweiten Konsens innerhalb der Volkswirtschaftslehre umreißen.

Dass die Politik kaum noch auf die Ökonomen hört, liegt trotzdem an den Ökonomen. Die Bedeutung eines Volkswirts innerhalb der Wissenschaft wird nämlich nicht daran gemessen, ob es ihm gelingt, Einfluss auf die Welt draußen zu nehmen. Sondern zunehmend an der Zahl der Publikationen in Fachzeitschriften und der Zitierungen. An Universitäten, die im internationalen wissenschaftlichen Wettbewerb stehen, haben Ökonomen deshalb nur geringe Anreize, sich mit gesellschaftlichen Gegenwartsproblemen zu beschäftigen. Karrierefördernd ist heute vielmehr eine formal möglichst weit getriebene Auseinandersetzung mit den innerhalb des Faches selbst definierten Problemen unabhängig von einer externen Nachfrage nach solchen Forschungsbeiträgen. So wird die Volkswirtschaftslehre zum Kreuzworträtsel auf hohem intellektuellem Niveau.

Die Folge: Außerhalb der Universitäten wird das dort vermittelte ökonomische Wissen als immer weniger nützlich angesehen. Die Nachfrage danach nimmt ab - nicht nur in der Politik. Selbst Wirtschaftsberatungsunternehmen rekrutieren ihren Nachwuchs vermehrt aus anderen Fachbereichen und übernehmen die spezifische Ausbildung des neuen Personals lieber selbst. Das davor absolvierte Studium wird zu einem reinen Auswahlinstrument. Ein stark forderndes, gut abgeschlossenes Studium wird nicht mehr als Beweis für nützliche Fachkenntnisse des Bewerbers gesehen - sondern vor allem als Beleg für dessen Bereitschaft, hart zu arbeiten. Das inhaltliche Wissen und die Denkansätze der modernen akademischen Ökonomie scheinen hingegen nicht stärker gesucht zu sein als jene von Ingenieuren oder Absolventen anderer Fachrichtungen.

Im Zuge dieser Entwicklung ist in verschiedenen Ländern die Zahl der Studenten, die Volkswirtschaft als Hauptfach belegt haben, drastisch zurückgegangen. Einige ökonomische Uniabteilungen im deutschen Sprachraum sind wegen eines Mangels an Studierenden sogar von der Auflösung bedroht.