Historische Größe und was daraus für Gegenwart und Zukunft zu lernen sei, lässt sich natürlich nicht in Quadratkilometern vermessen. 4,4 Quadratkilometer misst die Kulturlandschaft der Reichenau, von der Unesco soeben in den Status des Weltkulturerbes versetzt als das "herausragende Zeugnis der religiösen und kulturellen Rolle eines großen Benediktinerklosters im Mittelalter". Über 142 Quadratkilometer hingegen erstreckt sich das Gartenreich Dessau-Wörlitz, zweiter deutscher Zuwachs im Erbeverein, das strahlende Beispiel "für die Umsetzung philosophischer Prinzipien der Aufklärung in einer Landschaftsgestaltung, die Kunst, Erziehung und Wirtschaft harmonisch miteinander verbindet". Konzentration also auf der Bodensee-Insel und Weiträumigkeit in jener Auenlandschaft, die bis heute von den aufklärerischen und umsichtigen Ideen des menschenfreundlichen Franz von Anhalt-Dessau profitiert. Dass sich der Fürst einen Traum erfüllt habe, notierte schon Goethe bewundernd. Dass dessen Untertanen an den schönen und nützlichen Seiten dieser geistvoll durchformten Natur teilhaben konnten, entsprach pädagogischem Konzept, diente auch der Belebung von Landwirtschaft und Handwerk nach den Zerstörungen des Siebenjährigen Krieges.

Die Nobilitierung durch die Unesco ist aber nicht allein als eine Bestätigung in jüngster Zeit geleisteter Denkmalpflege von Parklandschaft und Architektur zu verstehen. Sie sollte auch Herausforderung sein, aus der historischen Kulturlandschaft Modelle für die Zukunft zu entwickeln. Nicht dass dies nicht geschähe. Nur könnten jetzt dank des neuen, international beachteten Status Energien frei werden, die diese Region nötig hat. Auch ein noch so zauberisches Gartenreich ist nicht in rein musealer Form zu erhalten.

Notwendig erscheint vielmehr, dessen historische Struktur angemessen wiederherzustellen und weitere schädigende Eingriffe zu verhindern.

Möglichkeiten für morgen bieten sich an. Das Weltkulturerbe, so sollten Sommergäste lernen, ist ganzjährig vorhanden. Und als unvermutete Erfahrung empfiehlt sich das von Jahreszeiten unabhängige Erlebnis natürlicher Finsternis und Stille.

Die Unesco-Ehrung trifft in Sachsen-Anhalt auf eine seltene Dichte von Weltkultur: Dessau hat neben Weimar seinen Anteil an der Bauhaus-Architektur, die diese Würdigung ebenso erfuhr wie die Luther-Gedenkstätten in Eisleben und Wittenberg und die Stadt Quedlinburg. Das Bundesland, früher von Großkombinaten geprägt und jetzt von Arbeitslosigkeit, kann mit Stolz darauf verweisen und historische Qualität nutzbar machen.