Berlin

Wenn der Kanzler wissen will, was sein Volk denkt, fragt er seine Ehefrau. Manchmal lädt er auch Gäste in seine Dienstvilla in Berlin-Dahlem zum Abendessen ein, etwa die Vorstandsvorsitzenden der großen Autokonzerne oder ehrenamtliche Helfer, die Essensreste für Obdachlose sammeln. Gern blättert Schröder auch in Frauenzeitschriften, um herauszufinden, wie viel und welche Politik sich zwischen Schminktipps und Karriereratgebern wiederfindet. Doch wenn er wirklich erfahren will, wie der Wind steht, dann telefoniert er ausgiebig mit Manfred Güllner.

Güllner, Gründer und Chef des Meinungsforschungsinstitutes Forsa, hat in Schröders Machtsystem einen festen Platz. Er ist kein Hausdemoskop, wie es Dick Morris für den US-Präsidenten Bill Clinton war oder Philip Gould für den britischen Premier Tony Blair. Die waren fest engagiert und nahmen regelmäßig an den wichtigsten Strategiegesprächen teil. Sie testeten Werbesprüche, Gesetzideen und manchmal sogar, wie die neue Frisur der Präsidentengattin beim breiten Publikum ankam. Beide gehörten zum innersten Zirkel der Macht.

Güllners Rolle ist eine andere. Schon deshalb, weil er sein Geld vorwiegend mit Aufträgen aus der Privatwirtschaft verdient. Der Kanzler schätzt, nutzt und duzt den Meinungsforscher, beide Männer stehen sich persönlich nahe. Güllner war zu Schröders Hochzeit in Hannover eingeladen, am Wahlabend vor zwei Jahren war es Güllner, der den neuen Kanzler über seinen Sieg informierte. Schon im vergangenen Wahlkampf arbeiteten beide eng zusammen.

Frühzeitig und entschieden rief Güllner den Niedersachsen als einzig chancenreichen Kanzlerkandidaten der SPD aus, was ihm Schröders dauerhafte Sympathie einbrachte. Erstmals begegnet sind die beiden Männer sich schon Anfang der siebziger Jahre auf einem SPD-Kongress. Schröder war Juso-Chef in Niedersachsen, Güllner arbeitete beim Meinungsforschungsinstitut Infas.

Inzwischen telefonieren beide regelmäßig. Meist geht es um schnelle Einschätzungen wie in der vergangenen Woche, als der Kanzler sich nach den Wirkungen des BSE-Skandals erkundigte: Schadet der Skandal dem Ansehen der Regierung? Wie lange wird das dauern? Manchmal will Schröder auch, dass andere seinen Lieblingsdemoskopen hören, wie neulich, als er mit einer Runde von Professoren über die Zukunft der Zivilgesellschaft diskutierte. Güllner wurde hinzugebeten und warnte vor zu viel Erwartungen: Mit dem Schlagwort "Zivilgesellschaft" könnten die meisten Menschen bisher nichts anfangen, klärte er die Experten auf, ein Großteil denke dabei an "Zivildienst". Auch im SPD-Präsidium und in der Bundestagsfraktion der SPD war Güllner auf Schröders Wunsch zu Gast. Er sollte den Genossen Mut machen für weitere Reformen bei Rente, Arbeitsmarkt und Staatsfinanzen. Der Herr der Statistiken wurde so zum Antreiber des Kanzlers.

Schließlich gibt es in Güllners Welt viele Bürger, die sich nach politischen Veränderungen sehnen. Den CDU-Altkanzler Helmut Kohl, so der Demoskop, wählten sie ab, weil sie den politischen Stillstand der letzten Jahre nicht länger ertrugen. Vielleicht gefalle ihnen nicht jedes Detail der Riesterschen Rentenreform, aber der groben Richtung stimmten sie zu. Die Wahlniederlagen des ersten Regierungsjahres seien auf die Langzeitwirkungen von Oskar Lafontaine und die verkorksten Arbeitsmarktgesetze der ersten Tage zurückzuführen. Gedeckt wird dieses Güllner-Szenario durch zahlreiche Wahlanalysen und Umfragestatistiken