Die Beziehung Mutter-Kind gehört zur Klasse der großen Leidenschaften.

Sie birgt mithin Potenziale des fraglosen Glücks und der tiefen Verzweiflung, der bewusstlosen Seligkeit und der qualvollsten Schuldverstrickung, der überschwänglich geteilten Freude und des übelsten Haders. Eine gefährliche Fehleinschätzung, mit der die bürgerliche Epoche das Paar Mutter-Kind belastet hat, war die Unterstellung, diese Dyade sei per se zur Harmonie bestimmt. Zwar ist die Möglichkeit da, aber ob sie aktualisert wird, hängt von vielem ab. Mutter und Kind nämlich sind, wie Liebesleute sonst auch, eine fragile Konstellation, eben weil die Gefühle, die ihre Partnerschaft tragen, so groß und so unbedingt sind.

Mit dieser essenziellen Richtigstellung traut sich ein Autor auf den Ratgeber-Buchmarkt, der schon mit seinen voraufgegangenen Werken, darunter das berühmte Tagebuch eines Babys, für Furore gesorgt hat: der US-Psychologe Daniel N. Stern, diesmal in Koautorschaft mit seiner Frau Nadia Bruschweiler-Stern. Gemeinsam befreien sie die Mutter-Kind-Welt aus der verlogenen Schwüle einer verordneten Harmonie und versetzen sie in die rauen Wetter der Realität und der Leidenschaft. Und plötzlich wird sie wild-lebendig.

Trägt die Analogie mit dem Liebespaar? In der Ratgeberliteratur wird sie gescheut, weil man von der Mutter-Kind-Zweiheit eine entschiedenere Stabilität erwartet und im Leben ja auch beobachtet, als sie von Verliebten durchgehalten wird. Jungs und Mädels, Männer und Frauen entflammen füreinander, versuchen es zusammen, verletzen sich, missverstehen sich und gehen getrennte Wege. Einem Kind sind solcher Wankelmut und solche Treulosigkeit nicht zuzumuten. Also muss, schon um die Art zu erhalten, ein Mutterherz viel höher und viel unbeirrbarer schlagen als das Herz eines Mädchens, das sich in einen Jungen verliebt hat. So wollen es die Zuschreibungen und Hoffnungen der bürgerlich-pädagogischen Eliten, die im Grunde trotz mancher Differenzierungen immer noch die geltende Mutterimago ausmachen.

Das wirkliche Herz einer wirklichen Frau aber bleibt dasselbe, ob sie nun ein Kind stillt oder einen Mann küsst. Zwar sind die Gefühle, die in ihr hochsteigen, unterschiedlich, zwar ist auch der Bezugsrahmen, in dem sie sich entfalten und mitteilen, je ein anderer. Aber es ist in beiden Fällen Leidenschaftlichkeit mit dem charakteristischen Zugleich von Instinktsicherheit und Verhaltensunsicherheit, die sie antreibt. Das zu wissen ist wichtig bei dem Versuch, zu verstehen, warum Frauen überhaupt Mütter werden wollen, wie sie als Mütter fühlen und ob sie die Chance haben, ihr mütterliches Tun zu optimieren, also "bessere" Mütter zu sein.

Und hier haken Stern und Bruschweiler-Stern ein, indem sie anhand mehrerer Fallstudien die verschlungenen Wege nachzeichnen, die Mutter-Kind-Paare in ihrer Entwicklung typischerweise gehen.

Unsere Zeit ist nachweislich davon besessen, immer und überall das Beste herauszuholen, den eigenen Körper zu vervollkommnen, die Leistung zu steigern, das Einkommen zu erhöhen, das persönliche Glück zu maximieren - eine Zeitdiagnose, die man als trivial abtun könnte, weil Menschen so was angeblich immer wollen. Aber das stimmt nicht. Es gibt Kulturen, in denen das Sichvergleichen, das Höher-schneller-weiter und der ewige Wettbewerb verpönt sind und solche Tugenden wie Pflege des (unvergleichbar) Besonderen, aber auch die Selbstbescheidung und die Hinnahme dessen, was einem das Schicksal zuteilt, mehr gelten. Nun braucht man beziehungsweise frau gerade im Zusammenleben mit kleinen und heranwachsenden Kindern die Fähigkeit, hin- und anzunehmen, was da - das Baby, Kind und Zeitgenosse - auf die Bühne des Lebens tritt, und die mangelhafte Ausrichtung unserer Kultur auf solche Werte des "Annehmens" im Verein mit der Leidenschaftlichkeit des mütterlichen Gefühls macht das Muttersein und Kinderhaben allhier so krisenträchtig.