Jeden Morgen und jeden Abend sitzt Julien Green an seinem Schreibtisch in der Rue Vaneau und schreibt. Die letzte Eintragung in sein Tagebuch, das er seit dem 9. April 1926 führt, macht er am 1. Juli 1998. Der letzte Satz lautet: "Die Ereignisse sind im Innern." Am 13. August stirbt er, ohne ein weiteres Wort geschrieben zu haben. Der letzte Name, den er nennt, ist der des Dichters Novalis. Der letzte Satz, den er spricht, heißt: "Ich bin sehr zufrieden." Die letzten Töne, die er vernimmt, sind die der Arietta von Beethoven.

Im Nachhinein kann man das Tagebuch der letzten beiden Jahre als eine Vorbereitung auf einen solchen Tod lesen. Julien Green ist 96 Jahre alt, als dieses letzte Heft des insgesamt 17 Bände umfassenden Journals beginnt. Er ist der Letzte der legendären Amerikaner in Paris, geboren in Frankreich, mit der Seele zu Hause in den amerikanischen Südstaaten, berühmt geworden schon in den zwanziger und dreißiger Jahren mit seinen Romanen Mont-Cinère, Adrienne Mesurat und Léviathan. Sein umfangreiches Werk ist bereits in der kanonischen Bibliothèque de la Pléiade in die Ewigkeit eingegangen. Aus der Académie française ist er gerade ausgetreten. Fernsehen, Zeitung und Radio sind aus der Wohnung verbannt. Wer die Schwelle dieses Refugiums überschreitet, wird nicht mehr nach den Gesichtspunkten des Lebens beurteilt.

Er muss damit rechnen, dem Blick des Todes standhalten zu müssen.

Was zählt noch, wenn die Zeit abläuft, wenn jeder Besucher vielleicht der Letzte ist, jedes Gespräch ein anderes ausschließt, jedes nicht gelesene Buch für immer ungelesen bleibt? Wenn es nicht mehr darum geht, etwas zu erreichen, sondern darum, alles zu verlassen? "Mensch, werde wesentlich", nein, das hat nicht Julien Green, das hat ein deutscher Pathetiker gesagt.

Green vermeidet jedes deklamatorische Pathos, denn er ist pathetisch. Er schreibt nicht im Angesicht des Todes, sondern eingedenk des Todes. Er schreibt weniger über den Tod als über das Leben, das vor dem Tod noch Bestand hat.

Er habe, notiert er im Juni 1998, die Reise durchs Jahrhundert gemacht und sei am Ende wie ein Kind ohne Gepäck angekommen. In seinem kleinen Kinderkoffer liegen nur noch die Bücher von Novalis und Heinrich Heine. Die Franzosen, die Freunde Gide, Mauriac, Cocteau, Jouhandeau, schlafen in den Regalen. Thomas Mann findet keine Gnade mehr, er sei langweilig und bürgerlich. Mahler und Wagner werden sub specie aeternitatis unerträglich, uninteressant auch die französische Musik, die zu rational und vernünftig anmutet. Von der zeitgenössischen Literatur heißt es, sie sei Brei, uninspiriert, ein Hin- und Hergeschiebe von Worten. Green liest Kierkegaard, er liest Pascal. Er verehrt Quincey, Kafka, Shelley und Hawthorne. Die "Gegenwart des Wesentlichen" wird zum ausschließlichen ästhetischen Kriterium.

Das Lebensende ähnelt dem Lebensanfang, der 98-jährige Dichter stellt die Fragen der Kinder: Warum sind wir auf Erden? Wer bin ich? Kann man wissen, wer man ist? Warum haben wir Träume? Warum Ideen? Die Fragen werden in dem Maße dringender, in dem ihm die Geschäfte der Welt gleichgültig werden. Liest er für einige Tage keine Zeitung, findet er sie so unverständlich wie eine chinesische. Überall sieht er Pomp, Manierismus, protzigen Kitsch. Niemand kann mehr auf einfache Weise denken, offenherzig, ohne Konvention und Phrasen. Er will nur noch hören, was aus dem Herzen kommt und zu Herzen geht.