Der Regisseur Peter Brook ist lange Jahre mit seinen Spielern um die Welt und durch die Steppen gezogen. Die Nomaden sind seine Lehrer. Wo er inszeniert, ist Wüste. Seine Spielorte wirken wie trockene, unbewohnbare Flächen, auf denen ein Fallschirmspringer gelandet ist. Der Springer hat seinen leuchtenden Schirm ausgebreitet: Voilà, das ist die Bühne, bespielbar für eine Nacht, zu betreten nur auf leisen Sohlen.

Das Beduinentheater Peter Brooks ist sich immer des Sandes und des Windes bewusst, die über alles Menschenwerk hinweggehen werden. So macht es beide, Sand und Wind, zu Verbündeten. Es setzt keine Denkmäler, es hinterlässt Spuren. Es beeilt sich, auch die kompliziertesten Geschichten zwischen zwei Sandstürmen zu Ende zu erzählen.

Brooks Pariser Théâtre des Bouffes du Nord an der Place de la Chapelle wirkt, als beherberge es seine eigene Klimazone: Der Theaterraum mit den drei hölzernen Etagen ist Höhle und Lichtung, Innen- und Außenwelt zugleich. Ein Ort wie aus einem Tarkowskij-Film

eine Ruine, im Einstürzen fixiert und durch die Beschwörungen der internationalen Theaterschickeria in der Senkrechten gehalten.

Hier agiert der jüngste, vitalste, am besten trainierte Hamlet, den man sich vorstellen kann - viel mehr auf der lauten Seite der Lebenden als der James-Dean-Hamlet, den Ethan Hawke derzeit im Kino spielt. In Brooks englischsprachiger Inszenierung, die aus einem Viereinhalbstundenstück mit 18 namentlich benannten und etlichen namenlosen Rollen ein Zweieinhalbstundenstück für 8 Schauspieler macht, ist der schwarze Schauspieler Adrian Lester so etwas wie der metaphysische Fitnesstrainer. Er hält die Truppe in Bewegung, damit sie ihre Anschlüsse und Abkürzungen nicht verpasst. Sein Hamlet ist allen anderen intellektuell und körperlich überlegen, und seine Unberechenbarkeit prädestiniert ihn zum Regisseur.

Charisma und Ungeduld eines Fechtlehrers prägen sein Spiel. Er steht auf den Zehenspitzen wie ein Tänzer, er schlägt Rad wie ein Artist, flink, wach, bisweilen ein wenig glatt und geheimnislos. Die Zeit mag out of joint, aus dem Gelenk sein, dieser Prinz ist es nicht, er bewegt sich wie ein unfehlbarer Spielmacher durchs verrottete Dänemark. In ihm materialisiert sich der Blick eines eiligen, wissenden Lesers, der im Drama die unverzichtbaren Stellen sucht. Es ist Peter Brooks Leseblick.

Hamlets Vater ist von Hamlets Onkel ermordet worden, und nun soll Hamlet die Tat rächen. "Ohne Nachtmahl, ungebeichtet, ohne Ölung