Herta Müllers Prosa war ja schon wunderbar lyrisch. Ein großes Kunststück an gebundener Sprache. Gebunden an Händen und Füßen. Karg, vibrierend vor Innenspannung, vor artikuliertem Schweigen. Eine Prosa, der der Mund offen steht, weil ihr das Herz hineinschlägt - um eins ihrer schönen auratischen Bilder zu zitieren, auf die wohl nur jemand kommt, der an der äußersten Peripherie des Deutschen (im rumänischen Siebenbürgen) aufgewachsen ist, wo man die alten mottenlöchrigen Sonntagskleider der Sprache noch aufträgt.

Diese Prosa war bleich und schön vor Anstrengung, sich mit dem Gemeinen nicht gemein zu machen, den Schmerz nicht mit Hass zu betäuben. Darin lag ihr stiller Triumph, ihre anrührende Ergriffenheit.

Ein Ton, der die verkehrte Welt munter zurückverkehrt

Zur Erholung von solchen Fakirkünsten des Erinnerns hat Herta Müller in den letzten Jahren Gedichte geschrieben. Im Haarknoten wohnt eine Dame heißt der vor kurzem erschienene bibliophile Band mit circa 100 Gedichten und Collagen der Autorin. Sie hat, um das Pathos zu zügeln, sich erstmals aus freien Stücken einem Regime unterworfen: dem des Reimschemas. Mit überraschendem Ergebnis: "Im Federhaus wohnt ein Hahn / im Laubhaus die Allee / ein Hase wohnt im Fellhaus / im Wasserhaus ein See / im Eckhaus - die Patrouille / stößt einen vom Balkon dort / über den Hollunder / dann war es wieder Selbstmord / im Papierhaus wohnt die Stellungnahme / im Haarknoten wohnt eine Dame."

Die Kindheit ist ein Abzählvers. Spielerisches Begreifen und Buchstabieren der Welt. Alle Dinge haben ihre Puppenstube, ihr warmes Nest. Nur die Menschen sind "in der Angst zu Hause". In ihren Häusern macht es sich der Schrecken gemütlich.

"Im Haarknoten wohnt eine Dame." Dieses Kleinschrumpfen, dieses zu Nichts- und Niemand-Werden, bis man in einem Haarknoten oder einem Brustknoten oder sonst einer Schlinge Platz hat, war ja schon das Thema in den Romanen Herta Müllers - Der Fuchs war damals schon der Jäger, Herztier, und zuletzt, 1997, Heute wär ich mir lieber nicht begegnet -, Büchern, die zeigen, dass man an der Selbstbehauptung und Sanftheit schwacher Kinder doch auch manchmal gescheitert ist.

In Herta Müllers Gedichten nun herrscht luftiges Hantieren mit Reim und Assonanz, ein ganz neuer defätistisch-heiterer Ton, der die verkehrte Welt munter zurückverkehrt. Über dem Gedicht mit der Dame im Haarknoten, gleichsam an seiner Horizontlinie sehen wir in Umrissen ein halbes himmelblaues Menschlein in einem Drillich aus bedrucktem Papier, das mit der Schirmmütze an eine Wolke stößt. Dazu kommt ein Satz des Dichters Paul Eluard wie gerufen: "Es ist nicht weit von Wolke zu Mensch", und er meinte eben das Spiel der Verwandlung und Selbstverzauberung mittels Poesie, mittels Klang und Wortrausch. Denn, so Eluard: "Die Ehre zu leben verdient wohl, daß man sich zu beleben bemüht."