Elend und trostlos beginnt es, die Pest wütet in der Stadt. Hunger und Not, spukende Geister, Stimmen aus dem Jenseits - schlimme Zeiten. Prag, im Herbst 1589. Die Zeit Rudolfs II., König von Ungarn und Böhmen, römischer Kaiser. Das Judenghetto stand noch, von Mauern umgeben, Sündenpfuhl und Gerüchtebörse für alles Böse. Es war eine Zeit voller Legenden und Aberglaube.

Ein historischer Roman also, erzählt im Stil alter Überlieferungen. Ab und zu eine Jahreszahl, dann und wann eine Orientierung, ein Ort, ein bekannter Schauplatz, der Hradschin, die Burg, das Judenviertel, Kneipen, Wirtshäuser.

Und jede Menge Typen: Pechvögel und Glücksritter, Narren und Weise, Gauner und Edelleute, Verräter, Rebellen, Scharlatane.

Man meint zunächst, in einer Sammlung von Novellen zu stöbern, eine scheint mit der anderen wenig zu tun zu haben, ein roter Faden ist nicht zu erkennen, jedes Kapitel ist in sich abgeschlossen. 15 Erzählungen, mal eine poetische Liebesgeschichte, dann eine rasante Abenteuergeschichte und jede Menge Spuk, Blitz und Donner. Leo Perutz bezeichnete sein Buch als "Roman mit einem etwas eigenwilligen Aufbau". Und doch finden sich schon im ersten Kapitel, der Ghettolegende, Zeichen und Figuren für das Folgende. Der Grundton ist vorgegeben, melancholisch klingt das, geheimnisvoll, beschwingt.

Leo Perutz war in den zwanziger Jahren ein Erfolgsautor. 1882 in Prag geboren, 1938 aus Wien vertrieben

in Palästina untergekommen. Bekannte Zeitgenossen hatten sein Werk gerühmt: Adorno, Benjamin, Kracauer, Tucholsky.

"Ein Dichter ungewöhnlich fesselnder Romane", lobte Ossietzky. "Ein Talent, wie es seit Dumas nicht gelebt hat", schrieb Kisch. Alles nichts mehr wert, nach den Hitler-Jahren. Perutz blieb vergessen.