Es entsteht ein Sittengemälde aus längst vergangener Zeit.

Man kann es aber auch als Seelenwanderung lesen. Die Intrigen bei Hofe, die Verführungskraft von Geld und Verkleidung, Gier, Korruption. Menschliche Abgründe, Lug und Trug. Und die Liebe, die den schönen Schein durcheinander bringt.

Eine Verbeugung vor dem alten Prag seiner Jugend

Das Verhängnis ist früh angedeutet, das Schicksal nimmt seinen Lauf, ein Sünder wird gesucht oder eine Sünderin, vom Ehebruch ist die Rede. Mit der Zeit formt sich das rätselhafte Geschehen zu einem Mosaik, die Geschichten fügen sich ineinander, und der Leser beginnt zu ahnen, wohin die unheilvolle Reise gehen wird.

Zwei Romane verfasste Leo Perutz im Exil, Nachts unter der steinernen Brücke ist von 1943 bis 1951 entstanden. Die Idee stammte aus den zwanziger Jahren, das erste Kapitel, die Ghettolegende, veröffentlichte Perutz bereits 1924 in einer Literaturzeitschrift. Man liest von jüdischen Sitten und Bräuchen und Gewohnheiten, vom "Zeugnis ablegen" ist die Rede, manches wird angedeutet, anderes kann man vermuten. Der Antisemitismus bricht später immer wieder durch, Ahnen und Urahnen werden erwähnt, "die wie er die Dornenkrone der Verachtung getragen und die Geißelhiebe der Verfolgung erduldet haben".

Perutz meinte aber nicht die Judenvernichtung unter Hitler. Es sei "ein völlig politik- und ressentimentloser, rein historischer Roman, der eben zum Teil im Ghetto spielt", entschuldigte sich Perutz beinahe, nachdem er das Werk 1951 abgeschlossen hatte. "Es ist nichts als eine Verbeugung vor dem alten Prag, in dessen heute verschwundenen Kulissen meine früheste Jugend verlief und sich verlief."

Das half ihm bei seinen Gesprächen mit deutschen Verlagen wenig. Man las das Buch anders und war unangenehm berührt. Zsolnay schrieb ihm, man wolle mit einer Veröffentlichung warten, "bis die deutsche Seele sich Werken jüdischen Geistesguts wieder eröffnet". Wolfgang Weyrauch antwortete im Namen Rowohlts, man sei "grundsätzlich an der Herausgabe von historischen Romanen weniger interessiert". Eine Veröffentlichung in der Frankfurter Verlagsanstalt ging 1953 unter, eine Neuauflage erlebte Perutz nicht mehr.