Papier ist geduldig. Wände sind es erst recht. Wer weiß das besser als Lawrence Weiner? Seit Ende der sechziger Jahre gilt er als Leitfigur und Wortführer der amerikanischen Konzept- und Textkunst. Und seitdem hat der 1942 in New York geborene, abwechselnd dort und auf seinem Amsterdamer Hausboot lebende Künstler überall in der Welt seine schriftlichen Spuren hinterlassen, bisweilen sogar verewigt. Hausmauern und Museumswänden, aber auch Plakaten, Containern und Bodenplatten - alldem hat er inzwischen den Stempel seiner Schreibkunst aufgedruckt, aufgemalt oder eingemeißelt. Ob auf einem Wiener Flakturm, am Rotterdamer Fernsehturm oder rund um den Leuchtturm von Calais - immer wieder fand und findet Weiner einen Platz oder auch nur ein Plätzchen für ein, zwei, drei oder mehr imposante Worte, für sein an sich so "bescheidenes" Konzept. "Wir sind Schiffe auf dem Meer. Wir sind keine Enten auf dem Teich" - so ist da beispielsweise zu lesen.

Simpel funktioniert im Grunde der Trick mit dem Text: Durch die Entmaterialisierung entledigt sich die Kunst ihres physischen Ballasts und aktiviert ihre geistige Kraft. Sie wird schwere-, aber nicht bedeutungslos.

Im Gegenteil. Weiner fordert den Betrachter. Er avanciert zum kollegialen Komplizen - und das Ergebnis zum öffentlichen Eigentum. Denn immer soll die Lektüre eine kollektive sein, denn immer sind es die Veränderungen, die der politisch motivierte Althippie und Exvagabund Weiner im Visier hat.

Dabei geht es ihm nicht um lesbare (Text-)Bilder im Sinne von abstrahierten Bildbeschreibungen. Es geht ihm um gedachte (Sprach-)Skulpturen, um assoziative "Hirngebilde", die der Rezipient, der seine Einladung zur Imagination annimmt, aus dem rohen Sprachmaterial "haut". "Die Arbeit gewinnt ihre skulpturalen Qualitäten dadurch, dass sie gelesen wird, nicht dadurch, dass sie geschrieben wird", sagt Weiner selbst.

Eigenwillige poetische Textakrobatik, die sich bisweilen unabhängig von Syntax und Semantik von Wort zu Wort schwingt - das kennzeichnet seine "bescheidene" Kunst, die ja eigentlich "nur" ein Text ist. Mal kryptisch, mal trivial, aber immer haarscharf vorbei am vermeintlichen No(n)sens - so wird das einzelne Wort mit den Insignien seiner Macht ausgestattet. Es ist eben nicht nur syntaktisches Bindeglied, sondern neuralgischer Knotenpunkt zwischen Bezeichnen und Begreifen, Sprechen und Denken, Wahrnehmen und Vorstellen.

Klammern, Pluszeichen und Vektoren ordnen die Weinerschen Wortkompositionen.

Sorgfältig, häufig symmetrisch ausbalanciert wie mathematische Formeln, künden sie von der Sehnsucht nach einer anderen Sprache jenseits der bekannten Grammatik. Und einer Logik, deren Präzision der Arithmetik in nichts nachsteht.