Mit Leichtigkeit überwinden die Buchstaben so ihren Grund, werden optisch in der Schwebe gehalten und eröffnen ein unbegrenztes, imaginäres Dahinter.

"Wenn man sich mit Sprache befasst, hat man es mit etwas vollkommen Unbegrenztem zu tun. Sprache, weil sie die ungegenständlichste Sache ist, die wir je in dieser Welt entwickelt haben, endet nie", sagt Weiner - und schreibt. In seinem Geschriebenen gibt es kaum syntaktische Verknüpfungen, kein konsekutives Denken, sondern nur Aussagen und Statements, Sätze und Setzungen. Meist kreist der Text, der nominalistische Diskurs, um ein Ding, das möglicherweise stellvertretend steht für das Ding an sich.

Leere Sätze stehen in der Leere des Raums

Keine Frage - der Schriftkünstler und Künstlerlinguist ist auch ein Ästhet, der Mauern veredelt und Wände "veröffentlicht". Die früher handelsübliche Franklin Gothic oder die modernistisch-elegante Helvetica sind die signifikaten Hausschriften des Typografen, die erhabenen Instrumente seines Corporate Design - oder besser seines Sculptural Design. "Ich bin in einer Stadt aufgewachsen, in der ich die Wände zu lesen hatte, ich lese immer noch die Wände", so erklärt er selbst, warum seine Bildstempel und Schrift-Tattoos die Mauer zum Buch, die Wand zur Haut - und jetzt auch das eigentlich Unsichtbare sichtbar werden lassen.

Und es werde Licht. Gemeint ist das Licht. Zu sehen in Wolfsburg, nach Köln und Berlin die letzte der drei fast simultanen Weiner-Ausstellungen hierzulande. Spätestens seit den Impressionisten gilt das Licht als der große Kamerad der Künstler. Jetzt wagt sich auch Weiner mit monumentalen Lettern daran. In farbigen, regenbogenartigen Textblöcken fächert er das Spektrallicht in seine Bestandteile auf. Bent & Broken Shafts of Light - so der Titel der Ausstellung - spielt auf ein bekanntes, eigentlich weiter nördlich vorkommendes Lichtphänomen an: das Polarlicht.

Offenbar hat Weiner die riesige, maschinensaalartige und zugleich lichtdurchflutete Ausstellungshalle im weniger lichterfüllten Wolfsburg zur Nachahmung inspiriert, um endlich einmal tief in den "Farbtopf" zu greifen.

Denn schließlich ist es die Farbe, die Licht manifest werden lässt - in diesem Punkt agiert er wie ein Maler und eignet sich dessen Methoden an.