Bis zur bittersten Neige? Es müsste schon ein Wunder von der Dimension des Brennenden Busches geschehen, damit Al Gores Anwälte ihm in allerletzter Minute zum Sieg verhelfen. Es wurde gezählt und noch mal gezählt, geklagt und gegengeklagt

gedreht und gewendet, um per Lochbeschau des Wählers Willen zu ergründen. Es blieb bei Vorteil Bush. Und die Uhr tickt, denn am 12. Dezember ist Ultimo

da muss die alles entscheidende Florida-Delegation für das neuzeitliche Kurfürsten-Kollegium stehen.

In dieser Woche haben die Gerichte dem Al Gore die bislang härtesten Schläge versetzt. Das allerhöchste in Washington hat indirekt gegen ihn entschieden, indem es die Kollegen vom Supreme Court in Florida sanft, aber einstimmig ermahnte, doch zu erklären, warum sie die Nachzählfrist verlängert hatten.

Nun wackeln 400 nachgeschobene Gore-Stimmen. Viel härter aber traf es Gore aus dem Munde des Bezirksrichters N. Sanders Sauls. Mit dröger Stimme, aber präzisem Rückgriff auf Statut und Präzedenzfall verkündete der Vernichtendes: Nein, das Gore-Team habe nicht gezeigt, dass die Nachzählerei ein anderes Ergebnis zeugen würde, dass Fahrlässigkeit oder gar Betrug sich zur Fälschung summiert hätten. Man könne die Regeln nicht so lange ändern, bis einem das Ergebnis genehm sei, lautet die Botschaft.

Nun liegt die Sache wieder beim Obersten Gericht von Florida. Von Demokraten ernannt oder miternannt, gehören die politischen Sympathien der Richter wohl Al Gore. Aber werden sie jetzt sowohl nach oben (Washington) als auch nach unten (Bezirksgericht) treten? Man darf es bezweifeln, zumal das Wahlvolk der endlosen Duelle müde geworden ist. Sicher wäre der Wurf einer Münze genauso gerecht wie alle Zählerei und Juristerei. Aber in einer liberalen Demokratie, die - ob Rechtsstaat oder rule of law - dem Gesetz untertan ist, zählen zum Schluss nur die Regeln. Die stehen noch über dem Volkssouverän, der nur in einer rein plebiszitären Demokratie alles darf.

Das Wahlglück ein wenig zu "korrigieren" war stets eine lässliche amerikanische Sünde, die Rechtsmittel bis zum Letzten auszuschöpfen ist geradezu Volkssport. Doch hat dieses Spiel immer ein Ende, weshalb die US-Verfassung auch seit 213 Jahren (und trotz blutigem Bürgerkrieg) hält und hält. Dieses Ende ist nun nah - sehr nah