Das British Museum ist ein bollernder Riesentempel, daran hat sich nichts geändert. Und auch die Drängelei am Eingang ist wie immer. Doch dann steigt man die Stufen hinauf, und nichts ist mehr, wie es war. Wo man sonst ins Enge geriet, in ein abgedunkeltes Labyrinth voller Sackgassen, in dem man auf und ab wanderte, durch voll gestopfte Treppenhäuser, durch Hintertüren und Nebenflure, vorbei an den köstlichsten Schätzen aus 5000 Jahren Menschheitsgeschichte - dort öffnet sich plötzlich ein neuer Himmel.

Sehr hell und sehr weit ist dieser Überraschungsraum, der die Blicke hebt und den Puls beschleunigt. Man mag es kaum glauben, dass vor drei Jahren noch der ganze Platz zugekramt war mit Müll, mit ein paar Lagerschuppen und brüchigen Vitrinen. Natürlich stand damals auch schon dieser hohe, stolze Zylinder, der legendäre Leseraum der British Library. Er war bereits Mitte des 19.

Jahrhunderts, nur wenige Jahre nach dem Bau des Museums, errichtet worden, direkt im fußballfeldgroßen Great Court. Doch führte der Weg in die Bibliothek durch einen Tunnel, sodass die Besucher die weiten Flächen drum herum nie zu Gesicht bekamen. Er geriet in Vergessenheit und erlebt erst jetzt eine grandiose Wiederentdeckung: Für rund 320 Millionen Mark wurde aus dem Hinterhof die neue Mitte des Museums. An diesem Donnerstag öffnet sie sich den Besuchern.

Vor allem das Dach aus Glas und Stahl lädt ein zum Staunen. Rasant wölbt und und biegt und dehnt sich diese Hülle, so als sei über dem Hof ein mächtiges Kraftfeld aufgespannt worden. Dem Architekten Norman Foster und seinen Ingenieuren vom Büro Happold gelingt hier so etwas wie die Quadratur des Kreises, denn geschmeidig wie ein Luftkissen legt sich das Dach zwischen die rechteckigen Platzwände und die Mauern der Rotunde. Jede der über 3000 dreieckigen Scheiben ist ein Unikat, jede wurde vom Computer einzeln berechnet. Entstanden ist so eine Glashaube, die aus dem British Museum den Kristallpalast des 21. Jahrhunderts macht.

Die Stimmung unter dem Rautendach ist allerdings eher nüchtern, der Raum wirkt kühl und zurückgenommen, fast unwirklich. Hier soll man sich versammeln, hier wird man informiert, gespeist und umworben. Für 100 000 Besucher im Jahr war das Museum einst gebaut worden, heute kommen 5,7 Millionen, und schon im nächsten Jahr sollen es 8 Millionen werden. Kein anderes kulturgeschichtliches Museum ist ähnlich erfolgreich, kein anderes war bislang weniger auf Erfolg programmiert. Ganz fühlte man sich der Aufklärung und Weiterbildung verpflichtet, die üblichen Großshops und Edelcafés suchte man vergeblich. Künftig allerdings wird man sie nicht mehr suchen, man wird sie finden, ob man will oder nicht.

Durch den Great Court erweitert sich die bisherige Fläche des Museums um stolze 40 Prozent, doch davon soll nur ein kleiner Teil für Ausstellungen genutzt werden. Bezeichnenderweise ist der fensterlose neue Raum für Sonderschauen wesentlich kleiner ausgefallen als der Museumsshop, der sich einladend zum Hof hin öffnet. Auch für die Cafés und das Restaurant wurden im Great Court prominente Plätze reserviert, die Säle für Seminare und Vorträge hingegen verbannte man in den Keller. Daran wäre kaum etwas auszusetzen, schließlich ist es wichtig, dass sich Besucher auch stärken und ein wenig zerstreuen können, um anschließend wieder in die Kulturgeschichte einzutauchen. Oft allerdings wird dieser Weg zurück versperrt und das Museum geschlossen sein. Denn das Ess- und Kaufzentrum soll länger als die Sammlungen geöffnet sein - um bis zu 50 Prozent länger.

Das Museum ist sich selbst nicht mehr genug, künftig möchte man ein öffentlicher Ort sein wie viele andere auch. Hier soll man sich zum Abendessen verabreden oder zum Frühstück, hier trifft man sich mit Freunden, oder man kommt, um nach einem kunstvollen Geschenk zu suchen. Schon bald wird man den Great Court von einem Shopping-Center der gehobenen Art kaum noch unterscheiden können, zumal Fosters Architektur den Hof wie eine Kulisse aussehen lässt. Alles Authentische wirkt gereinigt, alles Gewesene maskenhaft.

Als Foster an der Südflanke des Atriums einen Portikus rekonstruieren ließ, wurde darüber in London heftig gestritten. Debattiert wurde vor allem über den Kalkstein, der eigentlich aus dem englischen Portland kommen sollte und doch einem französischen Steinbruch entstammt. Erst als der Portikus schon zur Hälfte stand und es für einen Abriss zu spät war, flog dieser Betrug eines Bauunternehmers auf. Einige Denkmalpfleger sprachen von der "Schändung des nationalen Erbes". Niemand hingegen erregte sich über Fosters freihändigen Umgang mit der Baugeschichte. Er hat dem Portikus nicht nur einen, sondern drei Eingänge verpasst und stört damit die ursprüngliche Komposition

auch ein merkwürdiges Guckfenster im ersten Stock fügte er ein.

Fast beiläufig wird so das Original entwertet und sieht plötzlich wie eine postmoderne Brosche aus.

Ähnliche Nebenwirkungen zeitigen auch die Um- und Anbauten für das Restaurant und die Shops. Für diese hat Foster zwei Treppenläufe entworfen, die wie zwei Arme den runden Lesesaal umfassen und den Besucher langsam in die Höhe führen, bis er schließlich oben auf einem Schiffsbug angekommen ist. Dort steht man Aug in Aug mit den Schnecken des ionischen Kapitells, das in solcher Intimansicht noch ungeschlachter wirkt als ohnehin. Auch die Glasbrücke, über die man hinüberwandern kann in den Nordflügel des Museums, tut dem Original keinen Gefallen. Zumal Fosters eiförmiger Baukörper dem Portikus so nahe kommt, dass er ihn verstellt und verschattet.

Karl Marx arbeitete hier 30 Jahre lang an seinem "Kapital"

Einen besonderen Clou verspricht das Restaurant, das hier oben seine Gäste wie auf einem Hochplateau empfängt: Man kann ein Zanderfilet verspeisen und zugleich die wundervolle Aussicht genießen, durch hohe Rundbogenfenster schaut man hinab in den Lesesaal. Der Ort des Geistes, über viele Jahrzehnte nur einer forschenden Elite zugänglich, wird so zur Touristenattraktion, zum größten Ausstellungsstück des British Museum. Innen hat sich die Bibliothek zwar nur wenig verändert. Eine mit viel Blattgold prächtig geschmückte Kuppel spannt sich über den Lesenden aus, so als sollte sich hier ein Denkraum öffnen, der das Unvorstellbare vorstellbar macht. Rudyard Kipling und Charles Dickens wälzten hier ihre Bücher, Karl Marx saß fast 30 Jahre lang täglich auf seinem Platz A6 und ersann das Kapital. Doch obwohl die blaugrauen Ledertische und Regale noch vorhanden sind - dieselbe Bibliothek ist es nicht mehr, denn alle Bücher sind 1998 in ein neues Gebäude umgesiedelt.

Ersatzweise ist nun die kultursoziologische Bibliothek von Paul Hamlyn eingezogen, die künftig aller Welt offen stehen wird. Zudem wurden 50 Computer aufgestellt, mit denen sich die Besucher einige Exponate des Museum erläutern lassen können.

Ob es sich in dieser Bibliothek allerdings noch konzentriert arbeiten lässt, ist ungewiss. Ständig werden fotografierende Besucher hereinkommen, werden die Kuppel bestaunen und die Tischreihen abschreiten. Der Lesesaal wird wohl eher einem Rummelplatz gleichen, von oben blicken die Touristen herein, unten vergnügen sich Schulklassen mit den Lernprogrammen. Die Demokratisierung des Eliteraums dürfte zugleich seine Entleerung bedeuten, zumindest so lange der Saal das Zentralstück des neuen Kommerzkonzepts ist.

150 Jahre lang kannte dieser gewaltige Andachtsraum der Aufklärung nur sich selbst. Alle Pracht galt dem Inneren, die äußere Erscheinung hingegen war zweitrangig - bei der Fassade begnügte man sich mit einer rüden Backsteinhaut. Mit dieser erstaunlichen Doppelgesichtigkeit vermochte Foster nur wenig anzufangen. Er verkleidete die Rotunde mit den weißen Kalksteinplatten, so dick, dass die Fenster fast darin versinken. Um den Schmuckwert noch zu erhöhen, bekamen die Fensterstöcke ein paar zusätzliche Goldkapitelle

und als Gesims blendet nun eine Strahlenkrone aus hellen Lampen die Besucher des Great Court.

Natürlich wird das British Museum auch weiterhin ein Ort sein, an dem es nicht nur auf das Geglitzer der Inszenierung ankommt. Weiterhin wird jeder Besucher ein Entdecker sein dürfen, der sich auf seinem Weg durchs Labyrinth an die wunderbarsten Kleinodien verliert, ob an ein trautes Nilpferd (1900 vor Christus) oder an die goldene Renaissance-Uhr des Isaac Habrecht von Straßburg. Hier lässt sich im Kleinen das Große erfahren, alle Überheblichkeit weicht, und das eigene Sein beginnt zu schrumpfen.

Im neuen Great Court allerdings ist die Geschichte vor allem Wohlfühlkulisse, selbst die Löwen und langohrigen Osterinsulaner, die hier aufgestellt wurden, verkommen in der Weite des Raums zum Ethnodekor. Einmal mehr erweist sich Foster als ein Meister der taumelnden Räume und bedeutungsleeren Oberflächen.

Einzig die handgroßen Lettern, die in den Kalkstein der Rotunde gemeißelt wurden, verleihen seinen Wänden eine gewisse Tiefe. Es sind die vielen Spender, die hier verewigt wurden. Die neue Außenseite der Aufklärung trägt ihre Namen.