Das hat es wohl noch nicht gegeben: dass einem Friedensnobelpreisträger der Ruf entgegenschallt, er möge doch, anstatt nach Oslo zur Preisverleihung zu reisen, lieber im Lande bleiben und sich um die Lösung der heimischen Probleme kümmern. Südkoreas Präsident Kim Dae Jung ist dies jetzt widerfahren. Nicht nur auf der Rechten ist der Ruf laut geworden, er solle seine skandinavische Reise absagen. Kim wird trotzdem fahren.

Dem Erfinder der "Sonnenscheinpolitik", der koreanischen Variante von Willy Brandts Entspannungspolitik nach der Maxime "Wandel durch Annäherung", ist der Preis zu gönnen. Seit 1998 hat sich der ehemalige Bürgerrechtler um eine Minderung der Spannungen zwischen Seoul und Pjöngjang bemüht. Er bot Hilfe an für den Bau von Straßen, Brücken und Fabriken im Norden. Und im Juni begab er sich in die nordkoreanische Hauptstadt zum ersten Handschlag zwischen den Führern der seit fünfzig Jahren verfeindeten koreanischen Staaten.

Doch wenn Kim Dae Jung am kommenden Sonntag vor die Nobel-Notabeln tritt, wird er nicht verdrängen können, dass ihm zu Hause der Boden unter den Füßen wankt. Seine Popularitätsrate ist seit dem Gipfeltreffen mit Kim Jong Il von über 70 auf unter 30 Prozent abgerutscht.

Dafür gibt es zwei Ursachen. Zum einen nehmen sich die praktischen Ergebnisse der Sonnenscheinpolitik bisher recht dürftig aus. Zum anderen kommen die Wirtschaftsreformen nur schleppend voran.

Die beiden Kims kamen überein, dass die vollständige Wiederherstellung der nationalen Einheit kein Nahziel sein könne, sondern stattdessen eine lose Föderation angestrebt werden solle. Sie vereinbarten engere wirtschaftliche Kooperation und regen kulturellen Austausch. Kim Jong Il ließ die alte Forderung nach dem Abzug der US-Amerikaner fallen.

Seit dem Gipfeltreffen sind die Propaganda-Lautsprecher an der Demarkationslinie verstummt. Die beiden koreanischen Mannschaften marschierten unter einer Fahne ins Olympiastadion von Sydney ein. Die Verteidigungsminister gelobten einander auf der Insel Cheju, dass nie wieder Krieg herrschen soll in Korea. Zweihundert Menschen aus dem Norden und ebenso viele aus dem Süden durften an Familientreffen teilnehmen.

Viel mehr ist bisher aus der Entspannung nicht geworden. An der neuen Straßenverbindung und der Wiedereröffnung der alten Eisenbahnlinie von Seoul nach Kaesong wird nur im Süden gearbeitet