Warum sich der mächtige DaimlerChrysler-Manager Jürgen Schrempp selbst zum Lügner stempelte, lässt sich seit Ende vergangener Woche im Originalton nachlesen. Zum Ärger seines Konzerns stellte die Financial Times die unbearbeitete Fassung jenes Schrempp-Interviews ins Internet, das US-Milliardär Kirk Kerkorian nun als wichtigstes Beweisstück seiner Milliardenklage gegen das Unternehmen dient.

Scheinbar unschuldig hielt der Interviewer Schrempp vor, angesichts von Chryslers Rolle als bloße Division im Konzern sei die angekündigte gleichberechtigte Vereinigung ja offenbar schlecht umgesetzt worden. Das mochte Schrempp nicht auf sich sitzen lassen. Er tappte in die Falle, lobte sich als großen Strategen ("ich als Schachspieler") - und sagte, das sei ja gerade von Anfang an sein Plan gewesen.

Lieber als verlogen gelten denn als schwach - eine wunderbare Miniatur aus der Welt der Macht. Leider passt sie nicht ganz zur offiziellen und mit Schrempps Konterfei veröffentlichten Firmenphilosophie. Während Profitabilität in dieser Prioritätenliste der "Werte und Maßstäbe" wahrhaftig an die letzte Stelle gerutscht ist, steht der Punkt "Offenheit" fast ganz oben: "Wir wollen transparent sein, in dem was wir tun und wie wir kommunizieren. Ehrlichkeit und Integrität sind für uns die Grundlage der Zusammenarbeit mit allen Partnern." Das nimmt Schrempp niemand mehr ab. Zumal er nicht einmal bei der verspätet eingeräumten Wahrheit blieb, sondern Chryslers Schicksal nun plötzlich auf "ständig wechselnde Marktbedingungen" schiebt.

Der einzige öffentliche Lügner ist Schrempp allerdings nicht. Der direkte Konkurrent BMW bot im Frühjahr ein verblüffend ähnliches Schauspiel - nur dass er keine andere Autofirma kaufen, sondern eine loswerden wollte. Ende Februar gelobte Chef Joachim Milberg öffentlich, "das Restrukturierungsprogramm bei Rover in aller Konsequenz fortzusetzen". Intern wurde längst das Gegenteil vorbereitet, und am 17. März verkündet BMW den Verkauf der angeschlagenen Tochter.

Als nicht besonders wahrheitsliebend erwiesen sich auch die Verantwortlichen der Expo. Mit offensichtlich überhöhten Prognosen für die Besucherzahlen rechneten sie die Erfolgsaussichten der Weltausstellung schön, bis es zu spät war und sich das gewaltige Defizit nicht mehr leugnen ließ.

Macht es was, wenn die Führungsspitze eines Unternehmens für ihr taktisches Verhältnis zur Wahrheit bekannt ist? Oder erwartet ohnehin niemand etwas anderes? Ist das mittlerweile vielleicht sogar der Komment für Manager?

Der Ruf der Geschäftswelt jedenfalls ist weltweit angeschlagen. So spottete der kanadische Psychologieprofessor Robert Hare, der gewohnheitsmäßig lügende Gangster erforscht: "Wenn ich Psychopathen nicht im Gefängnis studieren könnte, wäre meine nächste Wahl wohl die Börse von Vancouver." In einer kleinen Internet-Umfrage erkundete die Darmstädter Lügenforscherin Jeannette Schmid, wie ehrlich verschiedene Berufsgruppen eingeschätzt werden. Bankiers, Industriemanager und Börsenmakler landeten auf einer Liste mit 22 Plätzen abgeschlagen auf den Rängen 15 bis 17. Generell galt: Je mehr Profit die Unwahrheit in einem Berufsfeld verspricht, desto eher rechneten die Websurfer mit Lügen. Selbst wenn sie den Schaden für groß hielten, der dadurch entsteht, erwarteten sie trotzdem Verlogenheit. Die Psychologin: "Bei Wirtschaftsmagnaten geht man ein Stück weit von Unehrlichkeit aus." Sie werde "aber nicht erhofft, sondern resignierend zur Kenntnis genommen".