Das Wetter war gut, der Himmel schien näher als sonst. Plötzlich kam diese Frage auf: Glaubt ihr an Wunder? Katja Kollmann, unsere Grafikerin, hatte auf Video einen Hollywoodfilm über zwei Engel gesehen. Aufmüpfig blickte sie nun in die Runde des Mittagstischs: Was ist überhaupt ein Engel?

Natürlich gibt es Wunder, beharrten die Süddeutschen, mehr aus einer Laune heraus, als überzeugt. Denn keiner von uns Salonkatholiken konnte erklären, was der Himmel, der Teufel, die Engel und der ganze Rest bedeuten. Oder welcher Heilige wann anzurufen sei. Du bist mir eine schöne Katholikin, sagte Katja, die vor 30 Jahren in Neubrandenburg geboren ist, ihre Eltern Atheisten, die Lehrer Kommunisten.

Ablasshandel, Aberglaube, Volksverdummung, das hatte sie in der Schule gelernt wie andere Vokabeln. Die Pater in der ehemaligen DDR hätten auf sie wie Geheimnisträger gewirkt, die vom Westen unterstützt werden, den ersten echten Mönch mit Bart und Latschen habe ich im Urlaub in Bulgarien gesehen.

Bei der Jugendweihe erkannte man die Christen an den Rüschenblusen und gehäkelten Stolas, die sie sich für ihre Konfirmation gekauft hatten, während die anderen Kordanzüge trugen - die Heidenkinder aus der Militärsiedlung, wo auch sie wohnte.

In meiner Erinnerung dagegen tauchte aus dem tiefsten Oberbayern die katholische Dorfkirche bei meiner Großmutter wieder auf, wo mein Cousin ministrierte - obwohl er vom vielen Weihrauch in der Messe regelmäßig umkippte. Als wir im Religionsunterricht beichten mussten, schrieb ich meiner Freundin ein paar Sünden auf, ihr fielen keine ein. In der Grundschule hatte jedes Klassenzimmer ein Kreuz an der Wand.

Da trafen sehr unterschiedliche Erfahrungen aufeinander. Katja hatte viele Fragen, und sie war misstrauisch. Am besten wäre ein Crashkurs, ohne Bekehrung: Christentum in zwei Tagen. Etwas Ähnliches gibt es in der katholischen Kirche: In jeder größeren Stadt können sich Ungläubige und Ungetaufte bei der so genannten Stelle für Glaubensorientierung über Gott informieren. Am katholischsten ist es in Bayern, dachten wir und fuhren zum Jesuitenorden in München, Sankt Michael.

Katja erwartete, dass Pater Bauer in Kutte erscheint, aber Hochwürden trägt ein weltliches Poloshirt. Er sagt, zu ihm kämen in letzter Zeit oft Leute, die in der ehemaligen DDR aufgewachsen sind. Meist sei gar nicht Weihnachten der Grund dafür, dass einem der Glauben in den Sinn komme, sondern allein diese katholische Luft in München.