Das permanente Lamentieren der Euroskeptiker ist enervierend und kaum konstruktiv. Ihr Postulat, Europa sei zwar irgendwie notwendig, könne aber letztlich nicht funktionieren, weshalb man es doch besser gleich bleiben lasse, beschreibt nichts als die bloße Angst vor überfälligen Veränderungen.

Auch die Dauerbehauptung, Europa müsse schon allein deshalb scheitern, weil es nicht die Sprache der Europäer spreche, beginnt zu langweilen. Aus Übersetzungsschwierigkeiten allein das zwingende Scheitern jeglicher europäischen Politik herzuleiten ist schlicht Unsinn. Im Gegenteil: Jedermann vermag zwar George W. Bushs einfache Sprache zu verstehen, doch hat er bislang einfach nichts wirklich Kluges gesagt. Dann doch lieber komplizierte, aber vernünftige Sätze.

Die wirkliche europäische Herausforderung hat nichts mit Sprache zu tun: Europa muss die Sache aller Europäer sein. Dazu muss es in der Lage sein, die Europäer zu begeistern. Und zwar in der Schlange im Supermarkt in Neurupin ebenso wie auf der Piazza von Siena, in der Arena von Córdoba und den Cafés von Paris, Wien und Prag. Europa muss ein Thema werden, das die Europäer mit Herzblut diskutieren, und nicht nur der beliebteste Verantwortungsvorwurf der jeweiligen Regierungen, mit dem sie ihre eigenen Versäumnisse projizieren.

BSE, also Rinderwahnsinn, ist hierfür beispielhaft: Schon lange hat das EU-Parlament, und in seinem Schlepptau die Kommission, sehr konkrete Konzepte zur Vorsorge vorgelegt, schon lange forderte Europa das Ende der Tiermehlverfütterung, und schließlich waren es EU-Kontrolleure, die Beimischungen von Altöl und Klärschlämmen im Tiermehl aufdeckten. Doch gerade unsere Nationalpolitiker meinten die Gefahr im Alleingang in den Griff zu bekommen. Nein, hieß es, das ist ein Problem des Vereinigten Königreichs, bei uns in Deutschland gibt's das nicht, und - siehe da - auf einmal gibt's das doch, auch bei uns. Und dann gerade im Musterländle Schleswig Holstein, dessen Ministerpräsidentin zuvor eine der stärksten Verfechterinnen der nationalen BSE-Sicherheit war und nun die Schuld ganz selbstverständlich bei der EU sucht. Ein so alltäglicher wie grundverkehrter Reflex. Denn gerade supranationalen Gefahren kann nur auf supranationaler Ebene wirksam begegnet werden.

Ein weiteres Beispiel für die Notwendigkeit gesamteuropäischer Politik ist die Atomkraft: Was nützte uns denn ein atomfreies Deutschland und Dänemark, wenn nebenan der französische Super-Phénix oder ein tschechisches Atomkraftwerk steht oder gar explodiert? Hat noch jemand Erinnerungen an die - sprichwörtliche - Ausstrahlung Tschernobyls nach Mitteleuropa? Ich schon - der Geschmack von Milchpulver wurde ins kollektive europäische Gedächtnis reintegriert.

Europa ist an einem Wendepunkt angekommen. Es muss sich entscheiden, ob es lediglich eine gouvernementale Vereinigung von Nationalstaaten bleiben will, mit der Konsequenz, dass diese, auf nationalen Interessen beharrend, wichtige europäische Entscheidungen blockieren - oder ob es bereit ist zur institutionellen Integration. Genauer: Sind wir Europäer bereit, weiter zu gehen und uns gemeinsame Einrichtungen zu schaffen, die mit entsprechenden Kompetenzen ausgestattet werden - vom Europäischen Gerichtshof über das Parlament bis hin zu einer echten europäischen Regierung?

Ich weiß, dies ist das Grauen nationalistischer Politiker, und ich will es deutlich an die Wand malen: Natürlich ist eine solche Europäisierung nur etwas wert, wenn sie mit der Abgabe von Souveränität der nationalen an die supranationale Ebene einhergeht. Europäische Interessen müssen europäisch definiert, geregelt und dann politisch umgesetzt werden.