Und sie hätte weder im Bosnienkrieg noch beim jüngsten Klimagipfel so grausig scheitern müssen, wie es uneinigen Nationalstaaten eben geschieht.

Und außerdem brauchen wir eine europäische Regierung, weil der damit verbundene Prozess der gesamteuropäischen Wahl ein ganz außerordentlich wichtiger Schritt ist, um die Menschen für Europa zu begeistern: Wer eine Regierung wählt, setzt sich mit den Kandidaten auseinander und diskutiert ihre Vorzüge und Nachteile. Das Phlegma, mit dem die Europäer in der Vergangenheit die Wahlen zum Europaparlament begleitet haben, liegt doch ganz wesentlich daran, dass dieses Parlament im Bewusstsein der Menschen nicht präsent ist. Wen, bitte schön, interessiert schon die Wahl zu gesichtslosen Gremien? Ganz anders würde das europäische Volk sich mit Europa auseinander setzen, wenn es eine breite Verfassungsdebatte gäbe, an deren Ende jede Nation darüber abstimmen würde, ob sie an dem so gestalteten Europa mittun oder lieber doch in ihrer eigenen kleinen Welt verharren möchte.

Diese Verfassungsdebatte ist dringend erforderlich. Sie muss so schonungslos wie überhaupt nur möglich geführt werden. Es muss allen klar sein, dass sie sich von nationalheiligen Kühen verabschieden müssen, wenn sie an einem vereinten und gestärkten Europa teilhaben wollen. Ich sage dies ausdrücklich im Hinblick auf meine Parteifreunde in Deutschland: Auch wir als Grüne müssen uns darüber klar sein, dass Europa andere Maßstäbe anlegt, als wir das tun.

Am Beispiel der - unweigerlich europäischen - Einwanderungspolitik wird rasch deutlich werden, dass etwa das deutsche Asylrecht von anderen Europäern so nicht übernommen werden wird. Man wird sich mit ihnen verständigen müssen, wenn man gemeinsame Außengrenzen ohne innere Grenzen möchte. Sich zu verständigen bedeutet, sich miteinander und mit argumentativen Standpunkten ebenso wie mit eigenen und fremden Traditionen auseinander zu setzen. Als Ergebnis dieser Verständigung sollte das Asylrecht, das als Grundrecht ja bereits in die Charta aufgenommen wurde, in einem Reformprozess so präzisiert werden, dass es europaweit funktioniert. Entscheidend dabei ist allerdings, dass diese europäische Grundrechtscharta und damit auch das Asylrecht in die Verträge aufgenommen wird, um rechtsverbindlich für alle zu sein. Dann kann ein europäisches Asylrecht gut und funktional sein, auch wenn es keine exakte Kopie der deutschen Regelung ist. Im Gegenteil, es könnte sich erweisen, dass eine europäische Regelung, die nicht von den jeweiligen Innenministern definiert wird, humaner und funktionaler sein wird als die deutsche.

Diese Verfassungsdebatte muss nicht nur im Volk geführt und durch Volksabstimmung beschlossen werden, sie muss vor allem die wesentlichen Aspekte Europas exakt benennen und sie entscheidungsfähig machen. Und sie verlangt - wie die zu debattierende Verfassung selbst - Lösungen für ganz essenzielle Themen des Einigungsprozesses.

So muss unbedingt die Frage einer Sozialcharta für Europa behandelt werden, damit Europa eine sozial und ökologisch gestaltete Einheit wird und diese Postulate glaubwürdig auch anderen gegenüber vertreten kann. Eine soziale Einheit ist aber ohne fiskalische Harmonisierung nicht möglich, daher müssen auch die Steuersysteme diskutiert und angepasst werden. Das ist nicht erquicklich, aber aus meiner Sicht unabwendbar. Und auch die Fragen der Währung - ja, ich bin ein Freund des Euro - und der Sicherheitspolitik sind von europäischer Dimension.

Klar sollte jedoch eins sein: Dieses Europa gibt es nicht à la carte. Es ist unmöglich, sich nur die Stücke herauszupicken, die einem gerade passen. Für uns in Deutschland bedeutet dies etwa, dass der europäische Ausstieg aus der Atomkraft weitaus länger auf sich warten lassen wird als die mühsam erkämpften 25 deutschen Jahre.