Ich träume sehr viel. Mein größter Traum ist, dass ich noch schreiben kann, wenn die Neurowissenschaftler in der Lage sind, das Nervensystem und die Funktionsweise des Gehirns vollständig zu analysieren, quasi kartografisch zu vermessen. Ich beschäftige mich intensiv mit diesem aufregenden Thema und lese die neuesten Theorien. Die Neurowissenschaftler behaupten,dass es schon sehr bald nur noch ein einziges Fachgebiet geben wird, nämlich die Biologie.

Alles andere wird nur noch eine Unterabteilung davon sein. Romane und Kunst dienen nur noch als Forschungsmaterial, man absolviert dann keine Kurse mehr in Literatur, sondern in der Biologie des Menschen, zum Beispiel das Lächeln auf einem Gesicht.

Es gibt da einen neuen Darwin, einen Amerikaner namens Edward Osborne Wilson.

Er ist Zoologe und der größte Theoretiker in der Neurowissenschaft - deshalb nenne ich ihn Darwin II. Er war so nett, seine gesamte Theorie in einem einzigen Satz zusammenzufassen: Das menschliche Gehirn wird nicht als Blankobogen geboren, der mit Erfahrungen voll geschrieben wird, sondern als ein Negativ. Wie bei einem Fotoapparat wartet dieses Negativ nur darauf, in Entwicklerflüssigkeit getaucht zu werden.

Laut Darwin II sind dem Menschen von Geburt an alle Anlagen in sein Gehirn eingeprägt. Dem kann man nicht entkommen, und darüber hinaus kann man auch nicht gehen. Man kann sein Gehirn gut oder schlecht entwickeln, aber jedem sind Grenzen gesetzt. Was mich besonders interessiert, ist die Theorie, dass auch die emotionale Reaktion genetisch vorgegeben ist.

Es gab da zum Beispiel eine Studie, die in der Terminologie der Computersprache erklärt, Männer seien fest verdrahtet, das heißt programmiert für die Polygamie. Sie können gar nicht treu sein, weil sie genetisch programmiert sind, ihren Samen so weit wie möglich zu verstreuen.

Diese Studie hat in den USA sehr große Aufmerksamkeit erregt - schließlich können Männer auch lesen. Wenn also das nächste Mal ein Ehemann im falschen Schlafzimmer erwischt wird, wird er sagen: Hey, das ist nicht meine Schuld.

Dreihunderttausend Jahre Evolution haben mich dazu getrieben.

Ich habe mich immer gefragt, warum so viele schöne Frauen mit hässlichen, aber reichen und berühmten Männern verheiratet sind. Bisher dachte ich immer, dass sie hinter deren Geld her sind. Falsch! Ihr Verhalten ist genetisch bedingt, da Frauen instinktiv auf der Suche nach jemandem sind, der ihre Nachkommen beschützen und sie aufziehen kann.

Wilson hat seine Theorie 1975 vorgestellt, doch seither ist die Gehirnforschung fortgeschritten. Mittlerweile gibt es Maschinen und Apparate, die die Gehirnaktivitäten in Echtzeit verfolgen, PET-Scans zum Beispiel oder die Kernspintomografie oder ein dreidimensionales Elektroenzephalogramm.

Damit werden wir bald aufzeigen können, wie das Gehirn in Echtzeit funktioniert. Ich habe mich mit vielen der jüngeren Neurowissenschaftler unterhalten. Sie sind überzeugt, dass sie in nicht allzu ferner Zukunft voraussagen können, was ein Mensch tun wird, und zwar nicht nur allgemein, sondern ganz präzise. Mithilfe von etwas, das sie einen Parallelrechner nennen, können sie dann voraussagen, dass ich mir jetzt gleich an die Stirn fassen werde. Auf meine Frage, wie weit man denn die Reaktion eines Menschen vorhersagen könne, sagte der Forscher, einen Monat, wahrscheinlich sogar ein ganzes Jahr.

Ich konnte es kaum glauben! Nach dieser Theorie besitzt der Mensch keinen Verstand, keine Seele, kein Ich. Da gibt es keinen Geist in irgendeinem kleinen Raum in unserem Kopf, der bei dieser Oper Regie führt. Wir sind nichts weiter als ein Apparat: lauter Molekülketten, angeschlossen an einen chemischen Analogcomputer, auch Gehirn genannt. Wenn Sie es rein mechanisch betrachten, ist es ein Computer, ein komplizierter, der jedoch seine Grenzen hat.

Als ich an meinem Roman Ein ganzer Kerl arbeitete, habe ich viel Zeit auf Plantagen verbracht. Einer dieser Plantagenbesitzer hatte eine kleine Scheune, in der er Giftschlangen hielt - Klapperschlangen, Kobras, Mokassinschlangen, Korallenschlangen. Er winkte mich zu sich heran und sagte: Kommen Sie ganz nah heran, damit Sie besser sehen. Ich stellte mich ganz dicht vor das Terrarium. Plötzlich zog er seine Autoschlüssel heraus und warf sie gegen die Scheibe - genau in Höhe meines Gesichts. Fünf oder sechs Klapperschlangen schossen blitzschnell auf mich zu. Natürlich knallten sie nur gegen das Glas, aber trotzdem - ich sprang zehn Meter rückwärts. Später fand ich heraus, dass auch Charles Darwin versucht hatte, seine Nase gegen ein Terrarium mit Giftschlangen zu drücken. Er hielt seine Nase an das Glas, schlug mit einem Gummihammer dagegen, und die Schlangen griffen an. Er versuchte, die Nase nicht wegzuziehen, aber es gelang ihm nie. Daraus kann man den Schluss ziehen, dass unser Gehirn so programmiert ist, dass wir zurückweichen - also die richtige Bewegung machen, bevor wir überhaupt Zeit haben, darüber nachzudenken.

Dieses Beispiel verleitet zu der Annahme, dass alle möglichen menschlichen Reaktionen vorhersehbar sind, einschließlich solcher, die wir als kulturell oder intellektuell bezeichnen würden. Und mein Traum ist, dass ich noch lange genug lebe, um darüber schreiben zu können, wenn die Zeit reif ist für diese menschliche Komödie.

Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten in der Werbebranche und sollen eine Kampagne für ein neues Mercedes-Modell ausarbeiten. Ihnen stehen natürlich detaillierte Informationen zur Verfügung darüber, was für Fotos, was für Slogans welches Gehirn beeinflussen können - dafür wird es eine neue Software geben, auf die Sie direkten Zugriff haben werden. Sie werden ganz genau wissen, welche Zielgruppe Sie erreichen wollen, und ganz genau wissen, wie diese Zielgruppe auf die verschiedensten Slogans reagiert.

Aber gleichzeitig werden diesen wohlhabenden Leuten, denen Sie Ihre Autos verkaufen möchten, Mittel und Wege zur Verfügung stehen, Ihre Werbeanzeige zu analysieren und jede Strategie, die Sie benutzen, zu durchschauen. Weil sie ihre eigene Software haben werden. Und so wird das überall sein, etwa bei Verhandlungen zwischen zwei Staaten. Jeder wird wissen, mit welcher Art von Argumentation er seinem Gegner beikommen kann - aber dieser wird auch genau Bescheid wissen und in der Lage sein, das, was Sie zu Papier bringen, genau zu entschlüsseln.

Das Leben wird zu diesem Spiel Schere, Papier und Stein. Wenn Sie es lang genug mit jemandem spielen, wird es reines Rätselraten. Sie versuchen, das Wesen des anderen zu erkennen. Wird er weiterhin Papier sagen? In der Hoffnung, dass Sie ihm einen Stein präsentieren? Oder wird er von einem zum anderen springen? Das ganze Leben wird nur noch aus Schere, Papier, Stein bestehen. Wahrscheinlich wird jeder irgendwie in der Lage sein, hinter die Gedanken des anderen zu kommen.

Und nun kommen wir zum eigentlichen Spaß - zum Sex. Ich habe das Gefühl, dass trotz dieser Theorie über Planbarkeit der Sex auch weiterhin Gottes kosmischer Scherz bleiben wird. So wie heutzutage: Denken Sie nur einmal an diese hartgesottenen, erfolgreichen Geschäftsleute, die auf einmal völlig aufgelöst sind, wenn Sex ins Spiel kommt - es ist so,als würde man an einem Faden in ihrem Pulli ziehen, der sich dann völlig aufribbelt.

Ich denke an Jean Renoirs Film Frühstück im Gras, ein wunderbares Beispiel.

Der Film handelt von einigen Leuten, die glauben, den perfekten Mann und die perfekte Frau gefunden zu haben. Sie wollen sie miteinander bekannt machen, in der Hoffnung, dass sie zusammen die besten Menschen zeugen, die es auf der Welt je gegeben hat. Die beiden kennen sich noch nicht. Sie sehen beide toll aus, sind absolut gesund, beide Anfang 20 - und jeder von ihnen wird von einem ganzen Clan begleitet, um sicherzustellen, dass alles klappt mit dem Paarungsversuch. Dazu wird ein Picknick in einem Park veranstaltet.

Da sind sie also, unsere beiden. Der perfekte Mann und die perfekte Frau, mit der ganzen Bagage um sich herum - Manager, Agenten, Presseleute. Und plötzlich erscheint der Gott Pan. Er hockt oben in einem Baum und spielt auf seiner Flöte. Dann kommt ein heftiger Wind auf. Er wirbelt Blätter und Staub hoch, und keiner kann mehr irgendetwas erkennen. Als der Sturm vorüber ist, merken alle, dass es jeder mit der falschen Person getrieben hat. Die perfekte Frau hat sich nicht in den perfekten Mann verliebt, sondern in irgendeinen unauffälligen, aber auf sie sehr sexy wirkenden Mann. Alle haben das Falsche gemacht, weil Pan auf seiner Flöte spielte.

So wird Pan zu einem Symbol für den irrationalen Teil der menschlichen Natur.

Und ich denke, auch wenn letztendlich jeder weiß, wie das Gehirn und das zentrale Nervensystem funktionieren, dann wird es noch lange nicht so sein, dass alles geordnet abläuft und vertraut ist und es keinerlei Überraschungen mehr gibt - ich glaube, die Welt wird dann noch verrückter sein. Auch wenn die Neurowissenschaftler das Gegenteil behaupten: Sex wird immer eine völlig irrationale Sache in ihrer vorhersehbaren Welt sein. Mein Traum ist es, über diese große Comédie humaine zu schreiben. Welch ein Spaß! Und wenn sich niemand anders dafür findet, dann werde ich Gott Pan spielen.

AUFGEZEICHNET VON CHRISTIANE KORFF FOTO MARTIN PUDENZ