Von hervorragender Bedeutung für seine Entwicklung war nach Rilkes eigenen Worten der Einfluß der bildenden Kunst. Das wird sich am Beispiel entsprechender biographischer Tatsachen aufzeigen lassen.

Rilke hatte 1895 mit zwanzig Jahren in Prag ein kunsthistorisches Studium begonnen. Emil Orlik, der um fünf Jahre ältere, mit ihm befreundete Maler, war damals einer seiner ersten Bewunderer, und seine Anerkennung trug sicherlich dazu bei, daß Rilke sich bald ganz dem Dichterberuf hingab. In dem 1900 erschienen Buch "Vom lieben Gott" finden neben den Eindrücken der Rußlandreisen von 1899 und 1900 Kunsterlebnisse der Italienbesuche aus den Jahren 1897 und 1898 ihren Niederschlag, vor allem in der Erzählung, in der Michelangelo die Steine belauscht. Aus dieser Zeit datieren Rilkes erste Berührungen mit antiker und italienischer Kunst, deren Zeugnisse in seinen späteren Werken zu finden sind.

Durch den Worpsweder Maler Heinrich Vogeler, den er in Florenz kennengelernt hatte, kam Rilke, zunächst vorübergehend, dann – nachdem er die Bildhauerin Clara Westhoff, die Schülerin Klingers und Rodins, geheiratet hatte – als Ansässiger in das norddeutsche Künstlerdorf. Er beobachtete die befreundeten Maler bei der Arbeit und wurde auf diese Weise mit dem Handwerklichen ihrer Kunst vertraut. Über sie schrieb er die Künstlermonographie für den Verlag Velhagen und Klasing, die er mit einem ausgezeichneten Essay über die Landschaftsmalerei einleitete, dem anzumerken ist, was er etwa zur selben Zeit in einem Brief äußerte: "Ich lerne sehen. Ich weiß nicht, woran es liegt, es geht alles tiefer in mich ein und bleibt nicht an der Stelle stehen, wo es sonst immer zu Ende war." In seinen Gedichten spielten jetzt Farbschilderungen eine zunehmende Rolle.

1902 erhielt er den Auftrag, für die von Richard Muther herausgegebene Reihe "Die Kunst" einen Band über Rodin zu verfassen. Er reiste nach Paris zu dem Bildhauer, der nie etwas von Worpswede und seinen Malern hört hatte. Am 1. September suchte er ihn zum ersten Male auf und berichtete in Briefen von dem ungeheuren Eindruck dieser Begegnung: Rodin ist sehr groß und sehr seinem Werke ähnlich, das alle, alle Erwartungen übertrifft." "Ich bin froh, daß es soviel Größe gibt." Rückschauend schrieb er 22 Jahre später: "Ich hatte das Glück, Rodin in jenen Jahren zu begegnen, da ich reif war für meine innere Entscheidung und da andererseits für ihn der Moment eingetreten war, die Erfahrungen seiner Kunst in eigentümlicher Freiheit auf alles Erlebbare anzuwenden." Rilke hat sich gern als Schüler Rodins bezeichnet, weil er glaubte, durch nichts so viel gelernt zu haben wie durch die Gespräche mit dem Meister. Er widmete ihm den zweiten Teil seiner "Neuen Gedichte", die sich in erheblichem Maße auf Kunstwerke beziehen und deren reifen Stil er den im Umgang mit ihm erworbenen Erfahrungen verdankte. Rilke ist jedoch nie, wie oft angenommen wird, Rodins Sekretär gewesen. Er hat ihm lediglich zeitweise, als er vom September 1905 bis zum Mai 1906 bei ihm in Meudon Wohnung genommen hatte (aber auch nur insgesamt vier dieser Monate anwesend war), bei seiner Korrespondenz geholfen. Übrigens weilte Rilke auch in den zwölf Jahren bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges, in denen er sozusagen seinen festen Wohnsitz in Paris hatte, im ganzen nur etwa vier Jahre dort. "Als das stärkste Vorbild stand, seit 1906, das Werk eines Malers vor mir, Paul Cézannes, dem ich dann, nach dem Tode des Meisters, auf allen Spuren nachging." Diese Zeilen Rilkes beziehen sich vor allem auf den Eindruck, den 1907 die große Herbstausstellung von Bildern Cézannes im Salon d’Automne auf ihn gemacht hatte. Er beabsichtigte, ein Buch über Cézanne zu schreiben, und studierte aufs eingehendste alle seine Bilder, die ihn zugänglich waren.

Rilke lebte zu der Zeit in Paris, als die bedeutenden modernen Kunstbewegungen der Fauvisten und Kubisten von sich reden machten. Er kannte ihre Bilder. Während des Krieges wohnte er in München bei einer Bekannten, in deren Besitz sich Picassos Gemälde "Saltimbanques" befand. Das (heute dem Chicago Art Institute gehörende) Bild der Seiltänzer bestimmte das Thema der fünften Duineser Elegie, die Rilke dessen Besitzerin, seiner Bekannten Hertha Koenig, zueignete.

Die Entwicklung von Rilkes Dichtung hat sich also an Meisterwerken der Kunst vollzogen. Rilke selbst fühlte sich vornehmlich als Künstler. Unmittelbar nach dem Abschluß seiner Elegien schrieb er: "Je weiter man in der Kunst vordringt, desto enormer steht sie einem vor dem Herzen. Ja, der Kampf in ihr (ich sag es nun wieder aus unmittelbar erschütternder Erfahrung) wäre aussichtslos ohne – das Wunder; aber eben durch dieses ist sie ja auch, was sie ist, nicht durch uns, nicht durch uns."