Wilhelm von Humboldt 1810

Nach der letzten Akademie-Sitzung bin ich mit einem Kollegen U-Bahn gefahren. Es war eine kurzweilige, interessante Unterhaltung mit dem sehr sympathischen Mann, und doch war es gleichzeitig eine niederschmetternde Erfahrung. Der Mann war nämlich, wie sich bei der U-Bahn-Fahrt herausstellte, Direktor eines Max-Planck-Instituts. Und das Gespräch machte mich fertig. Denn ich sah plötzlich in akademische Welten, die so sternenweit von meinem Universitätsalltag entfernt sind, dass mir Kafka durch den Kopf schoss: "Gib's auf!" Ich merkte, ich bin ein Nichts, ein akademischer Wurm.

Und dieses Wurm-Gefühl enthüllte gleichzeitig, dass ich nicht nur nichts, sondern auch noch mies bin, nämlich anfällig für Neid. Er überkommt dich einfach, du kannst nichts dagegen machen, er ist aber plötzlich da: schmerzhaft, eklig, bläulich. Livor nannten das die Römer, blauer Fleck und Neid zugleich. Es ist ein hässliches Gefühl, über das man nicht spricht, das man nicht zugibt und das daher, wie alles Verdrängte, ganz besonders quält. Neid zeigt ja, wie klein man selber ist, wie wenig generös den anderen gegenüber und dass man sich überschätzt. Außerdem enthüllt die Existenz dieses Gefühls auch noch Gott weiß was Unbewusstes (also Sexuelles), das man besser für sich behält.

Weil aber vermutet werden darf, dass die hässliche Scheelsucht nicht nur meine individuelle Schwäche ist, sondern eine verbreitete uneingestandene Seuche in akademischen Kreisen, sollte man vielleicht doch darüber sprechen. Beichten und Psychoanalysen helfen ja auch manchmal beim Heraus- und Abstoßen des quälenden Hässlichen. Warum nicht auch dieses Gegen-Wort gegen mich selbst? Vielleicht führt es zur Bildung einer Betroffenengruppe, und ich muss mich nicht mehr allein damit herumschlagen? Ich oute mich. Ich bin neidisch.

Warum bin ich eigentlich neidisch? Die Antwort ist: Ich weiß es nicht, aber ich bin es, und zwar, wenn ich richtig sehe, im Wesentlichen nur auf diesem einen Gebiet, als Gelehrter, auf dem Gebiet meiner Berufsausübung, dort aber bin ich es. Dabei bin ich eigentlich im Allgemeinen kein neidischer Typ. Und außerdem geht es mir auf dem Gebiet der Profession ausgesprochen gut: Ich habe einen wunderbaren und - trotz des anhaltenden Destruktionsbemühens einer ganz offensichtlich neidischen Presse - immer noch angesehenen Beruf. Diesen darf ich in großer materieller und geistiger Unabhängigkeit ausüben. Ich bin Professor an einer - trotz der anhaltenden Anwürfe einer hämischen Presse - ziemlich guten deutschen Universität. Ich bin - trotz meiner fortgeschrittenen Jahre, also trotz der von der Presse immer wieder betonten Schrottreife - als Forscher und Lehrer aktiv und munter. Ich schreibe regelmäßig ganz erfolgreiche Bücher - im Rahmen meiner Möglichkeiten natürlich -, die manchmal sogar in fremde Sprachen übersetzt werden. Die Studenten finden mich, glaube ich, nicht gar zu fad, obwohl ich ziemlich abseitige Themen behandle (mit denen man nicht reich werden kann). Ich habe sogar einen französischen Verdienstorden. Und ich bin Mitglied der Akademie. Was will ich denn noch? Ich will eigentlich auch gar nicht mehr.

Schlimm ist die jährliche Verleihung der Leibniz-Preise

Und dennoch kann ich nicht leugnen, dass ich neidisch bin. Dabei ist es mir völlig egal, ob einer ein schöneres Haus, ein größeres Auto, mehr Geld und derlei alles hat. Ich will nicht auf den Bahamas segeln, ich will nicht Mitglied des Tennisklubs Rot-Weiß werden oder im Fernsehen auftreten. Aber ich gestehe es: Livor academicus schlägt zu, wenn ich daran denke, dass mein Kollege einen Assistenten mehr hat, eine höher dotierte Sekretärin, zwei weitere Räume für seine Arbeitsgruppe und natürlich viel mehr Drittmittel als ich.