Die National Portrait Galleries in London und Edinburgh kennen wenig Vergleichbares in der Welt (incl. Deutschland); die Walhalla bei Regensburg, das große Marmorkabuff, lappt ja eher ins Ulkige. Aber zumindest in Halberstadt am Nordrand des Harzes gibt es etwas, das der Sache doch schon näher kommt. Es ist der so genannte Freundschaftstempel des Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719 bis 1803), eines nicht ganz unbepfründeten, zeitlebens junggeselligen Herrn, der gern dichten tat (seine Lyrik, einst himmelhoch gerühmt, ist heute abgrundtief vergessen), viele Briefe schrieb und oft, "Vater Gleim" und Literaturagent in einem, jungen Autoren half. "Tempel" meint hier allerdings nichts mit Säulen, sondern ist mehr allegorisch zu verstehen: eine Sammlung von 128 Ölporträts nebst Zeichnungen und Stichen.

Es sind die Bilder seiner Freunde. Viele berühmte Männer und einige dito berühmte Frauen finden sich darunter, und berühmt darf man auch die Porträts selber nennen, einige jedenfalls. Das Jugendbild Jean Pauls von Pfenninger zum Beispiel oder Lessing im blauen Rock; Herder, von Anton Graff gemalt, oder J. F. A. Tischbeins Bildnis des Architekten Erdmannsdorff ... Kostproben auf den folgenden Seiten!

Die Porträts, die der Dichter bei seinen Freunden regelrecht bestellte, manchmal sogar mit genauer Formatangabe, bedecken noch heute die Wände des Gleimhauses. Hier wurden, in stiller Zwiesprache mit dem Bildnis des jeweiligen Adressaten, Briefe verfasst und die Antworten dann im trauten Kreise empfindsam vorgetragen. Hier wurde schwerstanakreontisch gescherzt und geweint - und über die Duodezfürstentümlein des Alten Reichs hinweg die deutsche Gelehrtenrepublik geknüpft.

Jetzt hat das Gleimhaus (längst ergänzt um einen flotten Anbau und auf dem Weg zu einer Forschungsstätte von internationalem Rang) erstmals ein komplettes Farbalbum des "Tempels" herausgebracht. Kundig kommentiert von dem langjährigen Leiter Horst Scholke und ergänzt um einen trefflichen Essay über den Freundschaftskult im 18. Jahrhundert von dem Magdeburger Germanisten Wolfgang Adam, ist hier ein Zeitalter zu besichtigen, das wahrlich zu den helleren der deutschen Geschichte zählt.

Horst Scholke:Der Freundschaftstempel im Gleimhaus zu Halberstadt Porträts des 18. Jahrhunderts; mit einem Essay von Wolfgang Adam; E. A. Seemann Verlag, Leipzig 2000; 224 S., 38,- DM