Wo trifft man sich mit einem Genie? Wo in New York ist der passende Platz, um sich mit Ben Katchor, seines Zeichens Comic-Strip-Autor, zu verabreden - einem Mann, dem in diesem Jahr für seine poetischen Bildgeschichten über die City der MacArthur-Geniepreis, dotiert mit einer halben Million Dollar, verliehen wurde? Fieberhaft sortiert man im Geist die Möglichkeiten: Balthazar - zu weit Downtown. Ein Steakhaus in Midtown? Zu viele Touristen. Pastis - zu laut. Zuletzt schlägt der Autor selbst die Lösung vor: die Diamond Dairy Cafeteria in New Yorks Diamantendistrikt.

Wie sich herausstellt, ist dieser Ort wie geschaffen für uns - könnte er doch in einem von Katchors Comic Books vorkommen. In einer transparenten Luncheonette, die auf halber Höhe über einem Juweliergeschäft schwebt, sitzt eine Reihe orthodoxer Juden wie eine bizarre Versammlung von Raben am Tresen. Der Glaskasten ist ein Überbleibsel aus der Billigarchitektur der sechziger Jahre, eine schmuddelige Kienholz-Installation mit Rost- und Kaffeeflecken, altersschwach und gebrechlich.

Katchor verspätet sich. Eine willkommene Gelegenheit, bei Kraut und Wickeln und Selleriesoda über den Zeichner und sein Werk zu reflektieren. Über seine Strips mit Namen wie Julius Knipl - Real Estate Photographer, Cheap Novelties oder The Jew of New York, die in Blättern wie dem jüdischen Forward, dem Designheft Metropolis und der New York Press zu lesen sind und zeitweilig auch in der Village Voice erschienen. Die eigenartige Mischung aus Clairvoyance und Melancholie hat eine kleine, doch fanatische Fangemeinde. Den MacArthur-Grant verlieh die Stiftung gleichen Namens dem Cartoonisten in Anerkennung seiner "ironischen, bittersüßen Nostalgie für den Schutt und Abfall des City-Lebens".

Katchors Welt ist die Kehrseite des offiziellen New York, der ambitionierten Glitzermetropole von Bürgermeister Giuliani. Seine Geschichten beschwören eine ältere, langsamere Stadt herauf, eine der schmuddeligen Cafés, der Händler jüdischer Devotionalien, der Hintereingänge und Sweat Shops, die er mit grauer Tusche in ein düsteres Licht taucht. Seine Gestalten tragen Namen, die allein schon eine Geschichte erzählen: Jacob Rhesus, Fredrick Matinee, Victor Rubicon. Sie hausen in abbruchreifen Hotels für Junggesellen, in spärlich möblierten Zimmern mit Blick auf den Lichtschacht; sie sind die Stiefkinder des amerikanischen Traums vom Erfolg.

Der Musiker Fetor Maracas spielt für eine winzige Gemeinde von Enthusiasten Virtuosenstücke auf der Dampfheizung, doch seine Karriere findet ein jähes Ende, als während eines warmen Winters die Heizung abgestellt wird. Ein Vertreter für Golden Calf Brand Pot Cheese spürt auf einmal, wie seine Lust aufs Geldverdienen "über Nacht austrocknet wie die Gummidichtung an einer alten Kühlschranktür". Julius Knipl, der Held des gleichnamigen Strips, geht dem rätselhaften Beruf eines Immobilienfotografen nach, doch sehen wir ihn nie bei der Arbeit. In Hut und verknautschtem Anzug, die Kamera auf den Rücken geschnallt, eilt Knipl von Kaffeepause zu Kaffeepause - wie Leopold Bloom in Joyces Ulysses versunken in die kleinen Rätsel des Alltäglichen. Auf welcher Rolltreppe ist die Fahrt am reizvollsten? Wieso sieht der Fleck im Treppenhaus wie ein Affe mit Zigarette aus?

Katchors Strips gefallen selten auf Anhieb. Leicht irritiert legt man diese melancholischen Betrachtungen ohne jede Schlusspointe beiseite. Wer jedoch weiterliest, wird - ähnlich wie bei Joyce - mit einem gänzlich neuen Blickwinkel belohnt: Katchors Geschenk an seine Leser. Mit den Augen Julius Knipls starrt man begeistert in die "ewige Flamme" unter dem Sauerkrautbehälter eines Hot-Dog-Wagens oder sitzt, leicht melancholisch, in einer koscheren Luncheonette wie der Diamond Dairy, von der man weiß, dass sie demnächst von einer Welle energischer Renovierungen weggespült werden wird. Ist Nostalgie der treibende Motor hinter Katchors Werk?

Eine erste Frage für den Autor, der nun endlich, ganz außer Atem, eingetroffen ist. Leicht zerknautscht wie Julius Knipl, doch sehr viel jünger, schlanker und mit einem Schock brauner Haare, in denen er nervös herumwühlt. Seine Reise von der Upper West Side, wo er mit Frau und Tochter wohnt, war beschwerlich. Der Verkehr kam ins Stocken, ein durchaus Katchorscher Vorfall. Nein, Nostalgie sieht er in seinen Strips nicht. Wieso dann aber diese Faszination für das Weggeworfene, die Welt von gestern? "Für mich", sagt Katchor, "ist das nicht von gestern, sondern die Welt, wie ich sie sehe." Wo andere blitzblanke neue Wolkenkratzer bestaunen, sieht er bereits den Rost, der die Stahlträger annagt. "In dieser Stadt altert alles schnell. Selbst die neuesten Bauten sehen sofort abgenutzt und abschreibungsreif aus. Das hat mit der Intensität ihrer Nutzung zu tun."