An alle Freunde erwachsener Bilderbuchsammler: Hier wäre das richtige Weihnachtsgeschenk! Bilderbuchschenkende Tanten und Eltern: Lieber Abstand nehmen, die Reihe bei Aufbau hat genug andere Schätze zu bieten. Grund für den Abrat: Leute, holt die Klassiker rein, die Nacherzähler gehen um!

Nacherzählungen gehören in den Schulunterricht ("Formuliere mit deinen eigenen Worten, warum ..."). Ansonsten sollte die Nacherzählung eine Domäne der menschlichen Stimme bleiben, bewährt und geschätzt in Situationen des Abgeschnittenseins von dem, was mit Zivilisation ziemlich pauschal umrissen wird. Es zeugt nun mal von wenig Respekt, einem Buch, an dessen Sätzen der Autor oft jahrelang gefeilt hat, literarisch einfach so über den Mund zu fahren, vor allem dann, wenn besagtes Buch im Handel zu haben ist.

Von kaum einem Kinderbuchklassiker sind so viele Ausgaben greifbar wie gerade von Alice im Wunderland. Warum, fragt man sich etwas ratlos, jetzt um Himmels willen noch eine Nacherzählung? Im Präsens und im Zeitrafferverfahren? Warum einen bekanntermaßen vielschichtigen, verrätselten, mit Logik, Sprache und Gesellschaftsregeln spielenden Text, der sich schon Kindern im Lesealter nur bedingt erschließt, bis zur Verklumpung einkochen und als "Bilderbuch" präsentieren? Sicher, das Wesentliche an Handlung wurde beibehalten; der Zauber des Originals freilich ist perdu. Alice, schreibt Carroll am Ende des sechsten Kapitels, "war allmählich daran gewöhnt, dass dauernd etwas Seltsames geschah". Und ebendiese Allmählichkeit, das Verweilendürfen bei den einzelnen Stationen des wunderlichen Prüfungswegs, den Charme der altfränkischen Redundanzen hat der Leser, der junge zumal, nötig, um sich auf den abrupten Wechsel der Konstellationen, der Örtlichkeit und der Personen einzustellen und die Begegnung mit dem Absurden zu genießen. Das vorliegende Ergebnis lässt keinerlei Genuss aufkommen. Plitz-platz werden die Sequenzen heruntergerattert, im Ton oft burschikos ("Runter mit ihrer Rübe!"), und hinterlassen bei allen, die den Abenteuern von Alice noch neu gegenüberstehen, zwangsläufig den Eindruck von Konfusion.

Die Freunde des schönen Bilderbuchs jedoch, die ihre Alice unverstümmelt in x Ausgaben zu Hause haben, dürfen sich alle Finger nach den aparten Bildern von Jassen Ghiuselev lecken. Als hätte er vom "Iss mich" und "Trink mich" gekostet, katapultiert die Sichtweise den Betrachter aus der Frosch- in die Vogelperspektive, lässt ihn über Treppenaufgängen schweben, zoomt ihn zurück ins Außerhalb, mit vorsichtigem Blick in die verräucherte Küche der Herzogin. Eine Szenerie, zu verrückten Träumen passend, latent gefährlich anmutend und durchgehend monochrom. Messingnes Licht außen, innen verschattet und angebräunt wie geriebener Apfel, der schon eine Weile auf dem Teller liegt. Disneys bunte Niedlichkeiten sind so fern wie Rackhams Elfchen-Alice und ihr verwurzeltes Gnomenreich. Wenn jemand grüßen lässt, dann höchstens der Geist von Tenniel und die alte Perspektivbühne, in Italien erfunden, bei der entsprechende Bemalung den Eindruck echter Räumlichkeit imaginierte.

Übrigens liegt dem Buch ein Poster bei, auf dem sich alle Illustrationen noch einmal ein Stelldichein geben, sämtliche Ebenen auf eschersche Weise ineinander übergehen und sich die im Buch getrennten Bildteile zu einem bewundernswerten Ganzen fügen.

Jassen Ghiuselev (Ill.)/Barbara Frischmuth:Alice im Wunderland; Aufbau Verlag, Berlin 2000; 24 S., 39,95 DM (ab 5 Jahren)