Mir ist in diesem Jahr kein schöneres, kein bunteres, kein besinnlicheres Buch mit lyrischen Entdeckungen und feinsinnigen Gedanken vor Augen gekommen als Hans-Joachim Gelbergs jüngste Anthologie Großer Ozean - Gedichte für alle. Auf der Titelseite steht zu Recht als Motto Paul Celans Ausruf "Wieviel, o wieviel / Welt. Wieviel / Wege!". Der Band richtet sich an die Hellhörigen unter uns großen und kleinen Kindern.

Man sollte subtil mit jeder einzelnen Seite umgehen: Gedichte, vom Haiku bis zum Nonsens, vom ABC-Reim bis zur konkreten Poesie, vom Besinnungsgedicht bis zur Ballade und aphoristisch gefassten Nachdenkerei. Aber Vorsicht, dass den Augen nichts von den vielen Illustrationen entgeht! Unter ihnen sind Zeugnisse des Schreckens wie das Foto der zertrümmerten Uhr aus Hiroshima, der Besinnung wie der verbale Protest des Kameruner Dorfältesten gegen die Zeitansage auf seiner goldenen Armbanduhr, des Staunens und Wunderns im Bild von der Sonnenfinsternis am 11. August 1999 und des vergnüglichen Lebens in den kapriziösen Zeichnungen von Paul Maar, Klaus Ensikat, Rotraut Susanne Berner, Axel Scheffler und anderen. Abbildungen die Fülle, expressiv und surreal, scherzhaft oder ernst gemeint, Jahrhunderte alt oder gerade aus dem Ei geschlüpft. Der gewiefte Herausgeber hat Seite für Seite eingerichtet und überwacht.

Unter den "handverlesenen" Texten sind viele Überraschungen und Kostbarkeiten, solche von Hans Arp, Rose Ausländer, Bert Brecht, Christine Busta, Erich Fried, Josef Guggenmos, Ernst Jandl, Marie-Luise Kaschnitz, Christine Nöstlinger, Joachim Ringelnatz und anderen 150 Autorinnen und Autoren. Wortkunststückchen älteren Datums, wie Edward Lears Alphabet, finden ihren Platz neben dem philosophischen Aperçu eines Kindes von heute: "Alle Wörter gibt es, sonst könnte man sie nicht sagen." Die eindringlichen Gedanken der polnischen Nobelpreisträgerin Wislawa Szymborska in Jahrmarkt der Wunder schwimmen in Gelbergs Großem Ozean genauso wie die Zeilen aus einem Auschwitz-Gedicht, in dem uns die Entdeckung eines Kinderzopfs zwischen den abgeschnittenen Haaren vergaster Häftlinge erschüttert.

Hans-Joachim Gelberg hat seine Texte vorwiegend aus dem Repertoire der deutschsprachigen Lyrik des 20. Jahrhunderts genommen und mit englischen, amerikanischen und polnischen Gedichten angereichert. In seinem Schlussessay Klopfzeichen der Kinderpoesie begründet er die originelle Auswahl: Gefäße seien die Gedichte, in denen die Entdeckung des Ich liegen könne. Die Poesie als den Königsweg der Selbstfindung für Groß und Klein und als heilsame Wunderwelt der Worte zu begreifen ist Teil von Gelbergs weitab von kühler philologischer Gelehrsamkeit liegenden Poetik. "... in allen Gedichten spricht das Ich des Dichters mit dem Ich des Lesers. Welches Gedicht uns (und dem Kind) nun ,Ich' sagt, bestimmt nicht das Gedicht. Es fällt uns zu - wie eine Flaschenpost, die uns zufällig erreicht."

Hans-Joachim Gelberg (Hrsg.):Großer Ozean Gedichte für alle; Beltz & Gelberg Verlag, Weinheim 2000; 264 S., 36,- DM (ab 5 Jahren)