Weihnachtsmärchen aller Weihnachtsmärchen, zaubertrickhaftes, taschenspielerisches Abenteuer: die Geschichte vom gestiefelten Kater. Wie oft ist sie schon erzählt worden? Von den Brüdern Grimm, von Basile ... von Charles Perrault natürlich - ein kühner Marmorkater in Menschengröße ehrt ihn heute in Paris, den großen französischen Märchendichter, im Tuileriengarten gleich neben dem Louvre (an dem übrigens Perraults Bruder, der Architekt Claude P., mitgebaut hat).

Auch Erich Kästner (1899 bis 1974) und sein treuer Künstlerkamerad Walter Trier (1890 bis 1951), der 1947 aus dem englischen Exil weiter nach Kanada gezogen war, nahmen sich der uralten Geschichte an. Schon in den dreißiger Jahren hatten sie mit der Arbeit begonnen, wobei Trier sich an die Grimms, Kästner sich mehr an Perrault hielt. 1950 erschien schließlich das Werk im Zürcher Atrium Verlag; der hat es jetzt neu herausgebracht.

Und was soll man viele große, dicke, fette Worte machen?! Eine Freude, ganz einfach, dieses Büchlein! Denn hier sehen wir zwei Meister am Werk, zwei Profis, Könner, alte Hasen. Alles ist mit unglaublicher Leichtigkeit erzählt und illustriert: diese Geschichte des Müllersohnes, des jüngsten von dreien, der vom väterlichen Erbe nur den Mühlenkater abbekommt. Einen besonderen Kater allerdings, wie er bald merkt, einen Kater, der sprechen kann, denken kann, kombinieren, täuschen, spekulieren - den raffiniertesten, brillantesten Kater der Welt, der dem Jungen am Ende ein ganzes Königreich organisiert ...

Worin nur liegt das Geheimnis von Kästners und Triers Kunst? In der heiteren Lakonik, der ironischen Poesie? Ihr Kater ist weder Spukgestalt noch Tausendsassa. Nur ein genialer Lebenskünstler, der mit schlauer Schlichtheit den düstersten Tyrannen austrickst und auch über jenen Schwarzmarktcharme verfügt, jene Filoutät, die man in der Nachkriegszeit wohl brauchte, um flott durchzu- resp. groß rauszukommen. Dazu blitzt in Triers Bildern immer noch ein bisschen der Witzblattulk der zwanziger Jahre auf, die Berliner Zeit. Es sind wohl diese Zwischentöne, die dem Büchlein seine unverwechselbare Atmosphäre geben, seinen Atem.

Denn lebendig ist's geblieben, nach nun exakt 50 Jahren. Aber was heißt hier lebendig? Unsterblich ist sie, nach all den Jahrhunderten, da die Menschen sie sich erzählen, diese göttliche Komödie vom gestiefelten Kater.

Erich Kästner/Walter Trier (Ill.):Der gestiefelte Kater Atrium Verlag, Zürich 2000; 48 S., 25,- DM (für alle)